KI verändert den Arbeitsmarkt vor allem dort, wo Tätigkeiten automatisierbar werden. In dieser Folge erklärt Dr. Katharina Grienberger, warum sich Berufsbilder, Qualifikationen und neue Rollen durch generative KI verschieben und weshalb Weiterbildung und soziale Kompetenzen wichtiger werden.

Von Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Philipp Ebnet


 

Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt vor allem dort, wo Tätigkeiten standardisierbar und technisch automatisierbar sind. Daraus folgt noch kein pauschaler Stellenabbau, aber ein spürbarer Wandel von Berufsbildern und Qualifikationen. Im Digitalwandler erläutert Dr. Katharina Grienberger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Entscheidend ist neben den technischen Möglichkeiten vor allem, was Unternehmen, Beschäftigte und Kundinnen und Kunden tatsächlich akzeptieren.

Die Folge beleuchtet:

  • Was sich hinter dem Begriff das Substituierbarkeitspotenzial verbirgt
  • Warum generative KI auch Expertenberufe verändert
  • Weshalb hohe Ersetzbarkeit nicht automatisch zu Jobverlusten führt
  • Wie neue Tätigkeiten und Berufsbilder entstehen
  • Warum Weiterbildung, soziale Kompetenzen und lebenslanges Lernen wichtiger werden

Die Episode richtet sich an Beschäftigte, Führungskräfte, HR-Verantwortliche und alle, die den Einfluss von KI auf Berufsbilder und Qualifikationen besser verstehen möchten. Besonders relevant ist sie für Menschen, die Orientierung für Weiterbildung, Berufseinstieg und künftige Rollen suchen.

 

Transkript

Zum Nachlesen: das vollständige Gespräch mit Sprecherwechsel. Das Transkript wurde KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft.

KI auf dem Arbeitsmarkt: Wie sich Berufsbilder verändern

Philipp Ebnet, CGI: Herzlich willkommen bei der neuen Folge unseres Podcasts Digitalwandler. Ich bin Philipp und will in diesem Podcast erfahren, wie es um die Digitalisierung in Deutschland steht. Dafür lade ich mir alle zwei Wochen Expertinnen und Experten ins virtuelle Studio ein, die mir meine zahlreichen Fragen zu Best Practices und ungenutzten Chancen der Digitalisierung beantworten, mir aber auch verraten, wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Heute geht es wieder um künstliche Intelligenz.

In der Folge „Produktiver Arbeiten mit KI“ hat mir Merlin Spöttl bereits erklärt, wie Unternehmen Use Cases für KI identifizieren und umsetzen können. Und in der Folge „Mensch und KI“ haben mir Verena Hauser und Michelle Pürsten darüber berichtet, wie sie die für die KI-Transformation benötigten Fähigkeiten in ihrem Unternehmen aufbauen. Die Folgen kannst du natürlich überall da nachhören, wo es Podcasts gibt.

Über eine Sache haben wir aber bisher noch nicht ausführlich gesprochen, nämlich über die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt. Dario Amodei, der CEO von Anthropic, also des Sprachmodells hinter Claude, hat zum Beispiel in seinem 2024 erschienenen Essay „Machines of Loving Grace“ davon geschrieben, dass KI viele Berufe verändern oder sogar ersetzen könnte. Andere Expertinnen und Experten sagen hingegen, dass KI Teiltätigkeiten automatisieren, aber keine ganzen Berufe oder Branchen ersetzen kann. Um über das Thema etwas ausführlicher zu sprechen, habe ich mir heute eine Expertin eingeladen, die sich täglich mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf den Arbeitsmarkt beschäftigt. Bei mir im virtuellen Studio sitzt heute Frau Katharina Grienberger.

Frau Grienberger ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitet seit über 15 Jahren am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Dort ist sie unter anderem Mitarbeiterin im Bereich Berufe in der Transformation und Leiterin der Arbeitsgruppe Digitale und Ökonomische Transformation. An der Stelle sage ich erst einmal: Hallo Frau Grienberger, vielen Dank, dass Sie heute da sind.

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Ja, hallo, Herr Ebnet. Schön, dass ich eingeladen bin.

Substituierbarkeitspotenzial: Welche Berufe besonders betroffen sind

Philipp Ebnet, CGI: Frau Grienberger, ich starte mal mit einer eher generellen Frage. ChatGPT wurde ja im November 2022 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt, und seitdem wird die Nutzung für viele Menschen alltäglicher. KI findet mittlerweile auch mehr Einzug in den Arbeitsalltag. Welche Veränderungen konnten Sie denn seitdem auf dem Arbeitsmarkt beobachten?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz oder KI, wie es ja oftmals abgekürzt wird, auf den Arbeitsmarkt werden momentan sehr stark diskutiert. Oftmals gehen in den Medien gerade eben Befürchtungen damit einher, dass der Einsatz von KI oder anderen digitalen Technologien zu einem massiven Beschäftigungsabbau führen könnte.

Diese Debatten sind nicht neu. Immer wieder kommt die Frage auf, ob durch den Einsatz neuer Technologien Arbeitslosigkeit entsteht oder ganze Berufe verschwinden. Wir forschen mittlerweile schon seit gut zehn Jahren dazu, welche Auswirkungen diese Digitalisierung oder der Einsatz von KI auf den Arbeitsmarkt haben könnte. Insbesondere schauen wir uns Berufe und berufliche Tätigkeiten an. Wir sind gestartet mit Technologien wie mobilen, kollaborativen Robotern, und über die Zeit sind neue digitale Technologien marktreif geworden.

Zuletzt die künstliche Intelligenz beziehungsweise genauer gesagt die generative künstliche Intelligenz, die in den letzten Jahren rasant an Fahrt gewonnen hat. Stichwort ChatGPT und Co. Mit Hilfe dieser generativen künstlichen Intelligenz ist es möglich, dass Tätigkeiten ersetzt werden, von denen man sich bis vor Kurzem nicht vorstellen konnte, dass sie überhaupt ersetzbar sind. Das sind Tätigkeiten wie Programmieren, Texte verfassen oder Bilder generieren. Und das hat natürlich Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Philipp Ebnet, CGI: Und können Sie schon sehen, dass irgendwelche spezifischen Berufe weniger werden oder neue Berufe hinzukommen? Wie sind denn da so die konkreten Auswirkungen, die Sie beobachtet haben?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Um das Ganze messbar zu machen, also die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt beschreiben zu können, haben wir den Begriff Substituierbarkeitspotenzial geprägt. Der sagt etwas darüber aus, inwiefern Tätigkeiten und Berufe zu einem bestimmten Zeitpunkt durch Computer, durch Roboter oder durch KI ersetzt werden könnten.

Unser letzter Stand dazu ist das Jahr 2022, in dem bereits diese generative künstliche Intelligenz berücksichtigt wird. Da sehen wir sehr schön an unseren Ergebnissen, dass einerseits vor allem Helfer- und Fachkraftberufe sehr stark betroffen sind. Das sind Tätigkeiten, bei denen keine Ausbildung vorausgesetzt wird oder eine zweijährige abgeschlossene Berufsausbildung.

Sehr interessant ist aber, dass gerade in den letzten Jahren durch die Einführung generativer künstlicher Intelligenz auch die Expertenberufe, also Berufe mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium, betroffen sind. Das heißt, wegen der generativen künstlichen Intelligenz sind jetzt vermehrt Hochqualifizierte unter Druck geraten. Das war in der Vergangenheit bislang so nicht der Fall.

Im Prinzip ist es so, dass die fertigungs- und fertigungstechnischen Berufe sehr stark betroffen sind. Das gilt für alle Jahre. Bereits 2013 konnten wir das so beobachten, dass gerade die fertigungs- und fertigungstechnischen Berufe betroffen sind. Das sind eben all die Berufe, in denen Anlagen produziert werden, Autos produziert werden oder Güter produziert werden.

Wenn wir uns jetzt wieder die Zuwachsraten in den letzten Jahren angucken, dann ist es so, dass vor allem die bis dato wenig betroffenen IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufe einen sehr hohen Zuwachs im Substituierbarkeitspotenzial erfahren haben. Und es liegt eben daran, dass mittlerweile Tätigkeiten wie Programmieren durch diese generative künstliche Intelligenz ersetzbar geworden sind.

Werden Jobs wirklich ersetzt? Hürden, Kosten und Präferenzen

Philipp Ebnet, CGI: Wenn Sie jetzt sagen, die Tätigkeiten sind ersetzbar geworden, gerade in so Bereichen, wo es vorher nicht auffällig war, wie Programmieren oder so, heißt das dann wirklich, die Jobs fallen weg, oder nur, dass sich die Tätigkeitsfelder verändern?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Das heißt jetzt eben nicht, dass Jobs, die ein hohes Substituierbarkeitspotenzial aufweisen, in Zukunft vom Arbeitsmarkt verschwinden werden.

Wichtig zu wissen ist, dass es bei den Substituierbarkeitspotenzialen wirklich um die technische Machbarkeit geht, und zwar ausschließlich um die technische Machbarkeit. Das heißt, wenn wir eine Tätigkeit als substituierbar einstufen, heißt das nicht, dass sie tatsächlich in den nächsten Jahren auch ersetzt wird.

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Substituierbarkeitspotenziale nicht immer, nicht immer sofort und auch nicht immer vollständig ausgeschöpft werden. Denn am Ende des Tages entscheidet im Prinzip auch der Mensch, welche Tätigkeiten ersetzt werden. Es stehen auch verschiedene Hürden dem Ganzen gegenüber. Sei es eine rechtliche Hürde, sei es eine moralisch-ethische Hürde. Wollen wir beispielsweise einen Pflegeroboter in der Altenpflege?

Es ist aber auch so, dass kostentechnische Hürden dem Ganzen entgegenstehen. Investitionen in mobile, kollaborative Roboter oder auch in KI sind sehr teuer. Oftmals ist die menschliche Arbeit auch billiger. Insofern wird diese Tätigkeit am Ende des Tages nicht ersetzt. Wichtig sind auch Präferenzen, beispielsweise Präferenzen von Kundinnen und Kunden.

Wenn man sich zum Beispiel den Bäcker anguckt, der hat ein Substituierbarkeitspotenzial seit 2013 von 100 Prozent. Also wirklich alle Tätigkeiten könnten dort ersetzt werden. Das sieht man auch, dass das möglich ist. Aber es gibt ja weiterhin den Bäcker um die Ecke. Und es liegt vielleicht dann auch einfach daran, dass Kundinnen und Kunden ein industriell gefertigtes Brot weniger wertschätzen als ein Brot vom Bäcker um die Ecke.

Philipp Ebnet, CGI: Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Das geht mir persönlich auch so.

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Genau.

Philipp Ebnet, CGI: Aber wenn ich jetzt vielleicht in einem Beruf arbeite, in dem das Substituierbarkeitspotenzial hoch ist und auch wenn ich jetzt objektiv vielleicht nicht gleich ersetzt werde, aber im Moment hat man ja doch in den Medien, haben wir schon am Anfang gesagt, ist ja viel die Diskussion darüber. Und wenn ich einfach dann subjektiv diese Angst entwickle, auch wenn die vielleicht unbegründet ist, wie kann ich denn damit umgehen mit meiner persönlichen Befürchtung ersetzt zu werden.

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Die Frage ist, ob es nicht tatsächlich auch andersrum ist. Diese Automatisierungswahrscheinlichkeiten oder Substituierbarkeitspotenziale in dem Beruf sind ja erstmals sehr objektiv. Die gelten ja einfach im Schnitt für alle Berufe sozusagen. Und da ist die Frage, ob das überhaupt dazu führt, dass die Menschen wirklich dann subjektiv um ihren eigenen Job tatsächlich fürchten.

Es gibt auch Studien, die eben darauf hindeuten, dass die Mehrheit zwar denkt, der digitale Wandel gefährdet zwar Arbeitsplätze möglicherweise, aber tatsächlich nur ein kleiner Teil erwartet, dass sie selbst davon überhaupt betroffen sind, also dass der eigene Job tatsächlich betroffen ist. Aber natürlich, je mehr eben diese Ängste gerade in den Medien dann auch diskutiert werden, umso mehr könnten natürlich auch Beschäftigte dann auch Angst bekommen ihren eigenen Job, dass dieser eben durch KI oder andere digitalen Technologien ersetzt werden könnte.

Aber insgesamt sind diese Ängste im Prinzip unbegründet. Es gibt einerseits derzeit keinen Job, der komplett durch KI ersetzt werden könnte. Andererseits sind auch die Befürchtungen von einem massiven Beschäftigungsabbau derzeit unbegründet. Es fallen zwar Arbeitsplätze weg, klar, durch den technologischen Wandel, aber es entstehen auch neue Arbeitsplätze. Und am Ende des Tages wird sich das Ganze wahrscheinlich die Waage halten. Also dass Arbeitsplätze wegfallen und neue Arbeitsplätze entstehen wird sich am Ende des Tages ausgleichen.

Wir sehen auch die Herausforderungen nicht unbedingt in diesem Beschäftigungsabbau, sondern vielmehr in dieser sich wirklich stark verändernden Berufs- und Branchenstruktur. Es verändern sich einfach die Berufsbilder sehr stark. Es fallen alte Tätigkeiten, alte ersetzbare Tätigkeiten weg beispielsweise in den Berufen und es kommen neue Tätigkeiten hinzu.

Es kommen auch neue Berufe beispielsweise hinzu auf dem Arbeitsmarkt. Die haben oftmals was mit diesen neuen digitalen Technologien zu tun. Zum Beispiel der KI-Manager oder der Data Scientist, mal als Beispiel genannt. Und es ist aber tatsächlich so, dass eher in seltenen Fällen wirklich Berufe komplett verschwinden vom Arbeitsmarkt.

Oftmals ist es so, dass Berufe eine neue Berufsbezeichnung bekommen, weil das Berufsbild nicht mehr zur Berufsbezeichnung passt. Da ist dann aber nicht wirklich ein Beruf weggefallen. Oder Berufe werden oftmals zusammengeschnitten. Der Mechaniker und der Elektroniker verschmelzen dann zum Mechatroniker. Es ist wirklich so, dass nur in seltenen Fällen Berufe vom Arbeitsmarkt komplett verschwinden. Es ist vielmehr so, dass sich diese Inhalte, diese Berufsbilder sehr stark verändern.

Berufseinstieg, Fachkräftemangel und der Einfluss von KI

Philipp Ebnet, CGI: Wie oft untersuchen Sie denn dann Berufe nach dem Substituierbarkeitspotenzial? Also, der technologische Fortschritt oder KI wird ja immer schneller bei der Entwicklung. In welchen Abständen untersuchen Sie denn da den Arbeitsmarkt?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Das ist sehr richtig. Wir aktualisieren unsere Berechnungen sehr regelmäßig und zwar alle drei Jahre. Wir sind gestartet im Jahr 2013 mit den technologischen Möglichkeiten auch im Jahr 2013. Da sind wir gestartet mit den mobilen, kollaborativen Robotern und sind nun eben mittlerweile bei der generativen künstlichen Intelligenz als neue digitale Technologie.

Das heißt, dadurch, dass sich diese Technologien immer weiterentwickeln und teilweise auch rasant an Fahrt gewinnen über die Zeit, aber nicht nur die Technologien sich weiterentwickeln, sondern eben auch die Tätigkeitsprofile in den Berufen sich verändern über die Zeit. Es fallen alte Tätigkeiten weg, es kommen neue Tätigkeiten hinzu, es kommen neue Berufe hinzu und deswegen ist es einfach wichtig, dass wir diese Substituierbarkeitspotenziale wirklich regelmäßig alle drei Jahre neu bestimmen.

Bislang haben wir das eben jetzt für 2013, 2016, 2019 und 2022 gemacht. Und für das Jahr 2022, das ist jetzt unser letzter Stand der Berechnungen, da geht eben, wie ich schon erwähnt hatte, diese generative künstliche Intelligenz, also ChatGPT und Co., bereits mit ein.

Philipp Ebnet, CGI: Sie haben vorhin schon im Gespräch erwähnt, dass wenn Tätigkeiten wegfallen oder ersetzt werden können, dass sich dann einfach nur die Bereiche verändern oder auch neue Berufe entstehen. Sie haben zum Beispiel den KI-Manager vorhin beispielhaft erwähnt. Könnten Sie mir da vielleicht noch ein oder zwei Beispiele nennen, wie sich Tätigkeiten konkret verändern können, ich eben feststelle, dass Routineaufgaben abgenommen werden oder ein Teil meiner Arbeit automatisiert werden kann, wie ich dann neue Tätigkeiten identifiziere oder annehmen kann. Was sind denn da so gute Beispiele, die Sie gerne mögen?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Im Prinzip ist es so, das können wir in unseren Studien sehr gut beobachten, dass gerade alte Tätigkeiten wegfallen. Und zwar alte Tätigkeiten, die wirklich ersetzbar sind durch Computer, durch Computer-gesteuerte Maschinen. Das sind Tätigkeiten wie berechnen oder kassieren. Die werden einfach weniger oft in diesen Berufsbildern dann auch genannt sozusagen.

Und was wir eben sehen im Laufe der Zeit ist, dass einfach neue Tätigkeiten hinzukommen. Also beispielsweise seit 2019, von 2019 auf 2022, sind 100 neue Tätigkeiten hinzugekommen. Und das sind eben dann auch oftmals Tätigkeiten, die was mit diesen neuen Technologien zu tun haben. Also beispielsweise das Entwickeln und Optimieren von künstlichen, neuralen Netzen beispielsweise. Oder eben auch dann ganze neue Berufe, die wir beobachten können. Das ist der KI-Manager oder auch der Kaufmann im E-Commerce beispielsweise, der im Laufe der Zeit hinzugekommen ist als neues Berufsbild.

Philipp Ebnet, CGI: Eine Frage noch so Richtung Berufseinsteiger. Also im Moment haben wir ja die Situation, dass vor allem Berufseinsteiger schwierige Karten auf dem Arbeitsmarkt haben. Und wenn man sich so in den sozialen Medien umhört, dann machen da viele künstliche Intelligenz dafür verantwortlich, weil sie eben sagen, ja, die Einstiegstätigkeiten sind ja die, die automatisiert werden. Und dann werde ich nicht als Junior eingestellt, weil genau die Tätigkeiten wegfallen. Wie sehen Sie das denn? Können Sie das bestätigen in Ihren Untersuchungen oder das genaue Gegenteil oder was sind da einfach Ihre professionelle Sicht auf die Situation?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Im Prinzip wird das jetzt sehr stark in den Medien diskutiert, wie Sie erwähnt hatten. Das beruht auf einer amerikanischen Studie für die USA, wo eben herausgefunden wurde, dass die Berufseinstiegschancen von jungen Menschen durch den zunehmenden Einsatz von KI, von KI-Technologien, sich verschlechtert hätten. Das heißt, die Beschäftigung in Berufen, die von KI betroffen sind, ist bei den Jüngeren zurückgegangen. Das wurde in dieser amerikanischen Studie herausgefunden.

Für Deutschland sehen wir derzeit tatsächlich keine Evidenz dafür, dass Berufseinsteiger aufgrund des zunehmenden Einsatzes von KI schlechtere Berufseinstiegschancen hätten. Momentan ist es einfach so, dass diese schlechteren Einstiegschancen viel mehr an der schlechten konjunkturellen Lage in Deutschland liegen. Also wenn die Wirtschaft lahmt, stellen Unternehmen oftmals nicht ein. Das trifft vor allem die Berufseinsteiger und Berufseinsteigerinnen.

Hinzu kommt, dass es momentan strukturelle Transformationen gibt, wie der technologische Wandel, die Unsicherheit auf den internationalen Märkten. Das verschärft die Situation zusätzlich.

Weiterbildung, neue Kompetenzen und lebenslanges Lernen

Philipp Ebnet, CGI: Dann, mal so ein bisschen von der Angst quasi vor KI wegzugehen und mal noch ein bisschen auf die Chancen, die KI auch bietet. Eine Herausforderung, die wir auf dem Arbeitsmarkt ja haben, ist unter anderem der Fachkräftemangel. Wie sehen Sie denn da den Einfluss von KI auf den Fachkräftemangel?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Ja, das ist interessant, weil tatsächlich am Anfang von den ganzen Debatten, wie es um den technologischen Wandel usw. ging, war eher immer die Sorge von drohender Arbeitslosigkeit. Das hat sich jetzt ein Stück weit verschoben. Jetzt hat es oftmals die Diskussion, könnte denn nicht KI oder diese neuen Technologien helfen, diese Fachkräfteengpässe oder die drohenden Fachkräfteengpässe zu beseitigen oder zumindest abzumildern?

Ja, das ist eine gute Frage. Die Potenziale sollten natürlich nicht überschätzt werden. Es müssen KI-geschützte Technologien konzipiert, verhandelt, eingerichtet werden, regelmäßig gewartet werden. Und vor diesem Hintergrund ist es im Prinzip so eine bisschen eine offene Frage, ob eben bestehende Fachkräfteengpässe, beispielsweise bei den IT-Fachkräften, tatsächlich eben durch den Einsatz von generativer KI abgemildert werden könnten.

Weil möglicherweise verschärfen sie sich sogar, weil eben die Nachfrage nach KI-Lösungen, nach KI-Kompetenzen beispielsweise, dann steigt. Das ist tatsächlich eine Frage, die sehr offen bleiben muss. Es ist auch fraglich, ob Fachkräfte Engpässe in einem bestimmten Beruf auch damit zusammenfallen, dass es genau in diesem Beruf dann auch Ersetzungspotenziale beispielsweise durch KI überhaupt gibt.

Und auch wenn beides zusammenfällt, ist es fraglich, ob am Ende des Tages automatisiert wird oder ob die KI nicht eher als Unterstützung tätig ist. Das ist auch das, wovon wir ausgehen, dass nicht unbedingt alles komplett ersetzt wird und dann diese Berufe komplett verschwinden und komplett von der KI übernommen werden. Wir gehen eher davon aus, dass sich gerade die Tätigkeiten in den Berufen mitverändern, dass sich die Berufsbilder verändern. Insofern ist es eine offene Frage, inwiefern KI tatsächlich mildernd auf den Fachkräftemangel wirken kann.

Philipp Ebnet, CGI: Wenn Sie jetzt eben noch mal sagen, die Tätigkeiten ändern sich und auch die individuellen Tätigkeiten ändern sich klar, dann will ich natürlich auch schauen, dass ich die neuen Tätigkeiten gut erledigen kann. Worauf ich hinaus will ist, wie lerne ich denn die neuen Tätigkeiten? Also wie kann ich mich eben in meinem Beruf so anpassen, dass ich mit den veränderten Situationen klarkomme und die neuen Skills mir aneignen? Was ist da so Ihre Empfehlung?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Das ist tatsächlich die größte Herausforderung, die wir sehen. Diese Bildung, diese Weiterbildung, dass man diese neuen Fähigkeiten, diese neuen Kompetenzen auch erlernt. Es ist zwar schon so, dass eine Erstausbildung oder ein Hochschulstudium weiterhin eine solide Basis ist, aber dadurch, dass das Wissen immer schneller veraltet, muss wirklich lebenslanges Lernen zur Normalität werden. Das heißt, eine Erstausbildung reicht immer seltener aus. Sondern man muss sich wirklich im Erwerbsleben weiterbilden, eventuell auch höher qualifizieren oder auch Umschulungen in Betracht ziehen. Das heißt also einerseits berufliche Umorientierung, andererseits eben auch, weil die beruflichen Anforderungen ja insgesamt auch steigen, muss eben auch über höhere Qualifizierung nachgedacht werden.

Dabei ist es wichtig, dass man nicht nur auf digitale Kompetenzen setzt, sondern dass zunehmend soziale oder fachübergreifende Kompetenzen wichtig werden. Es wird immer wichtiger, in übergreifenden, innovativen Prozessen denken zu können. Weil sich eben auch die Art und Weise, wie man arbeitet, durch KI, durch die neuen digitalen Technologien einfach verändert. Man arbeitet z.B. zunehmend in virtuellen Teams.

Oder eben auch soziale Kompetenzen wie Empathie eine große Rolle spielen. Das sind einfach auch Kompetenzen, wo eine KI momentan auch noch schlecht darin ist, soziale Kompetenzen, Empathie etc. zu ersetzen. Das heißt, man muss einfach vermehrt am Ball bleiben, einmal Erlerntes, es immer schneller updaten und dann ist man auch weiterhin fit für den Arbeitsmarkt.

KI als Unterstützung statt Ersatz

Philipp Ebnet, CGI: Dass ja viele Menschen auch aus der Tätigkeit, sie können und die sie gut durchführen, da ziehen wir ja auch Selbstwertgefühl daraus. Also wenn ich irgendwie in meiner Arbeit besonders gut bin, dann bin ich da auch stolz drauf, klar. Wenn jetzt ein Teil dieser Arbeit von der KI übernommen wird und vielleicht sogar die Ergebnisse schneller oder besser liefert. Wie kann ich damit umgehen, wenn ich auf einmal Aufgaben abgebe und auch qualifizierte Ergebnisse abgebe?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Das würde ich auch eher als Chance sehen, weil eben gerade die Technik den Menschen ja auch von gefährlichen Arbeiten zum Beispiel befreien kann oder von monotonen Arbeiten wie Sortieren tatsächlich befreien kann. Oder dann eben auch eine KI, die bei der täglichen Arbeit eher unterstützend tätig ist sozusagen. Also zum Beispiel bei Altenpfleger und Altenpflegerinnen übernimmt dann die KI die Pflegedokumentation oder bei Ärzten/Ärztinnen Diagnosevorschläge.

Das heißt, die Menschen können sich dann mehr auf die eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Also haben mehr Zeit für die eigentlichen Aufgaben, während die KI beispielsweise schneller rechnen kann. Aber die Menschen letzten Endes eher die kreativen Kompetenzen haben, die Empathie, das Kontextverständnis auch. Insofern sollte man die KI tatsächlich nur als Hilfsmittel sehen und eher als Chance und weniger als Gegner.

Philipp Ebnet, CGI: Um so Richtung Ende zu kommen, Frau Glienberger, wenn Sie jetzt als Expertin am Arbeitsmarkt, die die Veränderungen jeden Tag mitbekommt, wenn Sie jetzt von einem jungen Menschen gefragt werden, welcher Beruf aktuell die besten Aussichten liefert oder für welchen Beruf man sich entscheiden sollte, was wäre denn so Ihr Rat?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Ich würde jungen Leuten immer dazu raten, genau den Beruf zu ergreifen, der eben am ehesten den eigenen Stärken und Interessen entspricht, der einem auch einfach Spaß macht. Einerseits deswegen, weil die Berufswahl ja auch nur ein erster Schritt ist, der dann auch einen ganzen Möglichkeitsraum erst eröffnet. Das heißt, die Vorstellung, dass man mit Abschluss einer Ausbildung/eines Studiums ausgelernt hat, ist nicht mehr unbedingt zeitgemäß.

Die Technologien ändern sich, aber auch die Gesellschaft, der Umgang mit den Technologien. Das heißt, man muss im Prinzip eher offen dafür sein, auch Neues auszuprobieren und sich einzubringen. Das heißt, wir würden jungen Leuten wirklich raten, Berufe zu ergreifen, die eben den eigenen Interessen entsprechen. Das heißt, wir würden nicht raten, jetzt Berufe mit einem hohen Substituierbarkeitspotenzial beispielsweise zu meiden.

Klar, hohe Substituierbarkeitspotenziale können natürlich bedeuten, dass bestimmte Tätigkeiten wegfallen. Es ist jedoch eher selten so, dass wirklich dann auch der komplette Beruf verschwindet, sondern oftmals ändern sich die Tätigkeiten in den Berufen. Das heißt, diese hohen Substituierbarkeitspotenziale bieten ja auch erhebliche Chancen, also Beispiel gute Weiterentwicklungsmöglichkeiten oder Entwicklungsmöglichkeiten.

Und auch wenn ein Beruf heute ein niedriges Substituierbarkeitspotenzial aufweist, heißt das nicht, dass das so bleiben wird. Wir hatten es gesagt, die Technologien entwickeln sich weiter. Auch hier könnten Tätigkeiten morgen ersetzbar werden, von denen wir heute uns noch gar nicht vorstellen können, dass sie überhaupt ersetzbar sind. Da führen wir dann auch eher die falschen Debatten.

Es geht nicht darum, was die KI uns wegnehmen könnte, sondern eher darum, welche neuen Chancen und neue Tätigkeiten dadurch entstehen.

Philipp Ebnet, CGI: Alles klar, ja, das war ein super Abschluss, weil ich hätte jetzt am Ende nämlich tatsächlich noch die Frage gestellt, wohin Sie denn dann die Debatte gerne verändern möchten. Aber das war schon die super Antwort darauf. Insofern vielleicht noch einen Satz noch mal zusammenfassend: Wenn Sie jetzt KI allgemein bewerten, sehen Sie eher ein Risiko oder eher eine Chance darin?

Dr. Katharina Grienberger, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Ganz klar eher eine Chance, weil der Einsatz von neuen Technologien weniger bedeutet, dass man sich wirklich Sorgen machen müsste um Arbeitsplatzverluste, sondern es geht vielmehr Veränderung, Veränderung von Tätigkeiten, Veränderung von Berufsbildern.

Das heißt, man muss im Prinzip einfach offenbleiben, Neues ausprobieren, sich mit den neuen Technologien natürlich auseinandersetzen. Aber dann ist und bleibt man eben auch fit für den Arbeitsmarkt und hat auch weiterhin gute Arbeitsmarktchancen.

Philipp Ebnet, CGI: Ja, super. Vielen Dank für die ganzen Antworten, Frau Grienberger, und für das Gespräch heute. Wer mehr wissen will, natürlich verlinke ich die Kontaktdaten und auch die Arbeiten von Frau Grienberger in den Show Notes. Und natürlich auch ein ganz großes Danke an dich, dass du zugehört hast. Wenn es dir gefallen hat, dann like und subscribe den Podcast gern, damit du keine Folge verpasst. Und ich freue mich schon auf das nächste Mal. Und bis dahin sage ich wie immer, ciao, wir hören uns.