Claude Mythos von Anthropic steht im Mittelpunkt dieser Folge als Beispiel für einen möglichen Wendepunkt: Eine KI, die nicht nur einzelne Schwachstellen erkennt, sondern Angriffspfade über mehrere Systeme hinweg zusammensetzt, verändert den Blick auf Sicherheit grundlegend. Aus punktueller Prüfung wird eine deutlich umfassendere Analyse der gesamten technischen Landschaft.
Frederik Richter bewertet diese Entwicklung nüchtern. Er sieht Chancen für die Abwehr, weil sich Zero-Day-Schwachstellen, Fehlkonfigurationen und bislang übersehene Risiken schneller aufdecken lassen. Gleichzeitig macht er deutlich, dass Erkenntnis noch keine Behebung ist: Alte Abhängigkeiten, fehlender Support in Open-Source-Projekten und der Faktor Mensch bleiben zentrale Risiken.
Besonders wichtig ist deshalb der Governance-Gedanke. Die Folge argumentiert nicht für Panik, sondern für klare Leitplanken: Wer KI in der Security einsetzen will, braucht definierte Einsatzgrenzen, einen bewussten Umgang mit Freigaben und eine Sicherheitsstrategie, die auf Zusammenspiel statt auf Einzelwerkzeuge setzt.
Die Folge richtet sich an alle, die verstehen möchten, wie sich Cybersecurity durch künstliche Intelligenz verändert - insbesondere an IT-Verantwortliche, Security-Teams, Entscheiderinnen und Entscheider sowie alle, die KI nicht nur als Effizienzthema, sondern auch als Sicherheitsfrage betrachten.
Zum Nachlesen: das vollständige Gespräch mit Sprecherwechsel. Das Transkript wurde KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft.
- Claude Mythos und der neue Blick auf Cybersecurity
-
Philipp Ebnet, CGI: Herzlich willkommen bei der neuen Folge unseres Podcasts Digitalwandler. Ich bin Philipp und will in diesem Podcast erfahren, wie es um die Digitalisierung in Deutschland steht. Alle zwei Wochen lade ich mir dafür Expertinnen und Experten ins virtuelle Studio ein, die mir meine zahlreichen Fragen zu Best Practices und ungenutzten Chancen der Digitalisierung beantworten, mir aber auch verraten, wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Heute will ich der Frage nachgehen, wie sich Cybersecurity mit der fortschreitenden Entwicklung von künstlicher Intelligenz verändern wird. Das Ganze liegt einfach daran – und da geht es schon los mit dem Versprechen, Entschuldigung –: Ausschlaggebend dafür ist, dass Anthropic am 7. April 2026 Claude Mythos vorgestellt hat, aber angekündigt hat, dass das Modell aus Sicherheitsbedenken nicht öffentlich zugänglich sein wird. Diese Aussage halten manche für berechtigt, andere für überzogen. Aber so oder so wird dadurch die Frage neu aufgeworfen, wie wir generell damit umgehen, wenn KI Schwachstellen schneller ausnutzen kann, als wir sie schließen können. Um die ganze aktuelle Situation einschätzen zu können, habe ich mir heute Frederik Richter ins virtuelle Studio eingeladen. Frederik ist Experte für Cybersecurity und beschäftigt sich viel mit präventiven, aber auch mit restriktiven Maßnahmen. Aktuell ist er unter anderem daran beteiligt, die IT der Deutschen Justiz sicher aufzustellen und sucht dort mit seinem Team gezielt nach Schwachstellen und Lösungen. Und an der Stelle sage ich erst einmal: Hi Freddy, schön, dass du da bist.
Frederik Richter, CGI: Ich grüße dich, Philipp, und vielen Dank, dass ich Gast sein darf in deiner Sendung.
Philipp Ebnet, CGI: Gerne. Freddy, ich fange einfach mal an. Vielleicht kannst du mir erst einmal ganz kurz erklären, was denn das Besondere an Claude Mythos ist?
Frederik Richter, CGI: Das Besondere an Claude Mythos würde ich darin sehen, dass es sich bei der Einführung um einen Paradigmenwechsel handelt. Wir haben bisher die KI nicht als eigenständigen Akteur erlebt, sondern jetzt wird quasi eine kombinierte Suche nach möglichen Angriffswegen, sprich nach Advanced-Persistent-Threat-Wegen, durch eine KI gesucht, die sich mit sämtlichen Systemen auskennt und nicht nur irgendwie eine Koryphäe in einem speziellen Bereich ist. Und damit hat man eben eine Möglichkeit, diese Schwachstellen unterschiedlicher Systeme auch zu kombinieren und damit einen Weg selbst bei gut abgesicherten Environments zu ermöglichen. Und das ist natürlich qualitativ etwas völlig Neues.
- Zero-Day-Schwachstellen und die technische Einordnung
-
Philipp Ebnet, CGI: Anthropic sagt ja selbst, dass Claude Mythos unter anderem zahlreiche Zero-Day-Schwachstellen aufgedeckt hat. Kannst du uns vielleicht mal ganz kurz erklären, was so eine Zero-Day-Schwachstelle ist und was sich hinter dem Begriff verbirgt?
Frederik Richter, CGI: Hinter einer Zero-Day-Schwachstelle verbirgt sich eine von außen ausnutzbare Schwachstelle, die bisher noch nicht bekannt war. In der Regel sind das Konfigurations- oder Codefehler, die in der einen oder anderen Weise ausgenutzt werden können, um sich ein System gefügig zu machen. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass man einen vollen Systemzugriff hat. In der Regel werden diese Schwachstellen auch über ihre CVSS-Einstufung, also den Common Vulnerability Score, bewertet, um einzuordnen, wie gefährlich sie sind. Aber in der Regel bedeuten diese eine ausnutzbare Möglichkeit in regulär laufenden Systemen, die sich eben für einen Angriff nutzen lässt.
Philipp Ebnet, CGI: Okay, und wenn jetzt eben, wie du sagst, durch Claude Mythos die Lücken schneller entdeckt werden oder Claude Mythos da eben einen Paradigmenwechsel mitbringt, dann bist du nicht der Einzige. Zum Beispiel Claudia Plattner, also die Präsidentin des BSI, hat ja auch gesagt, dass, konsequent zu Ende gedacht, es jetzt mittelfristig keine unbekannten klassischen Software-Schwachstellen mehr geben könne. Wenn wir das jetzt eben zu Ende denken, dann heißt das ja: Wir haben da jetzt eine KI, die sehr viel Potenzial mit sich bringt, aber auch erhebliche Risiken. Wie bewertest du diese Entwicklung insgesamt?
Frederik Richter, CGI: Tatsächlich stimme ich in Teilen Frau Plattner zu. Wir haben eine Ära erreicht, in der dieses Kopf-an-Kopf-Wettrennen zwischen Sicherheit und Angreifern noch einmal an Schärfe zugenommen hat. Die Anthropic-Entwickler beziehungsweise Anthropic selbst haben darüber ja auch aufgeklärt, dass Claude Mythos in den falschen Händen eine gefährliche Waffe sein kann. Und jetzt beginnt eben dieser Wettlauf: Wer ist schneller? Die Hersteller, die mit Claude Mythos etwaig bisher unerkannte Schwachstellen entdecken und beheben können, oder die Angreifer, die diese dann eben für ihre Zwecke ausnutzen können? Da, wo ich aber eine ganz große Chance sehe: Was in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen geführt hat, war beispielsweise im Bereich der Open-Source-Software, dass gewisse Softwareprodukte nicht mehr so supportet beziehungsweise gewartet und administriert worden sind, wie das noch früher der Fall war. Die Communities sind zum Teil geschrumpft, die Open-Source-Software wird nur noch von wenigen Köpfen überhaupt betreut, und damit ist auch die Möglichkeit, dass Fehler unentdeckt bleiben, über einen längeren Zeitraum hinweg ein Ding der Möglichkeit.
Philipp Ebnet, CGI: Mhm.
Frederik Richter, CGI: Und mittels Claude Mythos haben wir zumindest einmal die Möglichkeit, die Erkenntnis über diese Probleme zu bekommen, also das einfach offenzulegen und dann auch zu wissen, ob Open-Source-Software im Kontext des Einsatzes zu einem Gefahrenpotenzial wird. Denn vorher ist man davon ausgegangen, dass sich die Community konstant um die Bereinigung der Open-Source-Software kümmert und dass sich Schwachstellen recht zeitnah behandeln lassen. Aber andere Gegenbeispiele aus der Vergangenheit haben uns auch gezeigt, dass es durchaus auch Lücken gibt, die bewusst eingeführt worden sind oder die bewusst nicht behandelt worden sind. Und dem wird Claude Mythos ein Ende machen. Aber die Frage ist: Wer kümmert sich um die Behebung, wenn es niemanden mehr gibt, der diesen Support-Auftrag als seinen eigenen sieht? Beziehungsweise: Wie geht man mit Produkten um, die einen Ersatz benötigen, aber noch keinen aufweisen? Das wird natürlich bei diesem Wettrennen eine entscheidende Rolle spielen.
- Risiken, Angriffsflächen und falsche Hände
-
Philipp Ebnet, CGI: Also wenn ich dich richtig verstehe: viele Risiken ja, aber schon durchaus auch Chancen, die sich jetzt neu ergeben. Da fallen mir jetzt natürlich gleich eine ganze Handvoll Fragen ein. Ich gehe noch einmal auf die Risiken zurück. Du hast gerade schon gemeint, dass man darauf achten muss, dass das System jetzt nicht in falsche Hände gerät. Da hätte ich jetzt mal zwei Punkte, und der erste wäre: Wie lässt sich denn verhindern, dass das System in falsche Hände gerät? Was kann man da machen?
Frederik Richter, CGI: Das ist eine sehr gute Frage. Wir reden jetzt erst einmal von einem einzigen Produkt. Aber mit diesem Produkt ist eine Idee geboren worden, eine Idee, die sich durchaus auch replizieren lässt. Was das eigentliche Produkt Claude Mythos angeht, hat der Hersteller absolut richtig reagiert und gesagt: Wir können das noch nicht für den freien Markt zur Verfügung stellen, solange einfach nicht klar ist, was eine initiale Suche direkt finden würde oder was es für Angriffsszenarien und Angriffsflächen entdecken könnte. Aber ich gehe davon aus, dass auch andere Hersteller von KI-Software auf diesen Zug aufspringen werden und ähnliche Produkte entwickeln werden. Und dann wird es deutlich schwieriger sein, den Zugriff auf ein solch mächtiges System irgendwie einzuschränken oder zu begrenzen. Insbesondere wenn staatliche Akteure dahinterstehen, die vielleicht genau ein Angriffsszenario als Zielbild auf der Agenda haben, wird man nicht vermeiden können, dass eben auch Angreifer die Hände an solche Tools bekommen und sie dementsprechend nutzen können. Also eine wirkliche Einschränkung sehe ich nicht. Damit sind diese Risiken als Multiplikator für Angriffe tatsächlich real. Und Frau Plattner hat absolut recht gehabt mit der Aussage, dass man da einem großen Risiko entgegensteuert.
Philipp Ebnet, CGI: Zum Thema falsche Hände noch einmal: Es gab ja auch schon die ersten Berichte von der Nachrichtenagentur Bloomberg zum Beispiel, dass es zu einem unbefugten Zugriff auf Claude Mythos kam. Auch da: Wie bewertest du denn diese Nachricht? Wie war deine Reaktion, als du das gelesen hast?
Frederik Richter, CGI: Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass ein Tool, das ursprünglich mal aus der Intention entwickelt worden ist, dass es alle schützen soll, nicht gut abgesichert war. Aber man merkt relativ schnell, dass hier auch der Faktor Mensch und auch die bisherigen technischen Sicherungsmaßnahmen weiterhin nicht an Relevanz verlieren werden. Gerade der Faktor Mensch kann durch so eine KI-Analyse nicht behoben beziehungsweise direkt aufgelöst werden. Das funktioniert nicht. Was diese KI kann, ist, offensichtlich ausnutzbare Fehler oder Fehlkonfigurationen zu entdecken und so zumindest die Risiken zu mitigieren, zu minimieren, wenn man so möchte. Aber gänzlichen und hundertprozentigen Schutz wird es dadurch ebenfalls nicht geben. Aus meiner Sicht hat Anthropic das Richtige getan, auch gleich klarzustellen, dass es diese illegitimen Zugriffe gab. Einfach auch, um noch einmal diese Risiken in den Vordergrund zu heben. Es ist natürlich ein Fauxpas, den man belächeln kann, aber er zeigt auch, mit welcher Ernsthaftigkeit dieses Thema jetzt gerade angegangen wird.
Philipp Ebnet, CGI: Mhm.
- Marketing-Vorwurf oder echte Sicherheitsentwicklung?
-
Philipp Ebnet, CGI: Ja, es gibt jetzt auf der anderen Seite, wenn wir auch über die Chancen und Risiken sprechen, natürlich auch ein paar Stimmen, die sagen, was Claude da oder was Anthropic da gerade kommuniziert, ist etwas übertrieben. Einer ist zum Beispiel der KI-Experte Gary Marcus, der normalerweise ja Forderungen nach einem KI-Stopp unterstützt und in dem Fall sagt, das ist eigentlich nur richtig gutes Marketing, weil eine KI oder die Nachricht von einer KI, die zu gefährlich für die Öffentlichkeit ist, natürlich von den Medien bereitwillig aufgenommen wird und damit wieder mehr Werbung für das Unternehmen hinter der KI macht. Wie siehst du solche Aussagen, eben von wegen: Ja, es ist ja gar nicht so schlimm, sondern es ist nur Marketing. Wie ist da deine Position dazu?
Frederik Richter, CGI: Also ich erkenne sehr wohl die positiven Effekte, die ein solcher KI-Einsatz mit sich bringt. Ich habe es ja eingangs ganz kurz erwähnt. Die schiere Masse an Code, die geprüft werden muss, und auch das Wissen, das man an den Tag legen muss, um sich absichern zu können, zielt in der Regel immer auf ein einziges Produkt. Schon hier können Fehler passieren. Aber wenn man den globalen Blickwinkel nicht verliert und merkt, dass die Kombination unterschiedlicher Produkte zu Angriffsmustern führen kann, dann sieht man, wo einem eben eine solche KI-Lösung unter die Arme greifen kann. Bisher war es so, dass man sich in der IT-Sicherheit auf Services wie Red-Teaming, Blue-Teaming oder auch Penetrationstests eingeschossen hatte, in der Hoffnung, dass man damit einen Großteil der Risiken, einen Großteil der potenziellen Schwachstellen und Fehlkonfigurationen aufgedeckt bekommt. Aber was diese Tests immer hatten, war eine gewisse Scope-Einschränkung. Man musste sich darauf fokussieren, dass ein gewisser Teilaspekt überprüft wird, aber nie das große Ganze. Jetzt sage ich nicht, dass die KI einem sofort ein Gesamtbild liefern kann. Aber diese gezielten Suchen fallen deutlich einfacher. Diese kombinierten Suchen aus multiplen Produkten, aus multiplen Codebasen fallen einer KI deutlich leichter, um auch in unterschiedlichen Konstellationen und Kombinationen für einen Angriff genutzt zu werden, sodass man die Möglichkeit hat, schneller und deutlich weniger aufwendig an Missstellungen und Angriffsoptionen heranzukommen und diese damit zu beseitigen. Das entbindet natürlich die Hersteller nicht von der Verantwortung und Aufgabe, dass diese Schwachstellen dann auch beseitigt werden müssen, weil letzten Endes die KI nur die Entdeckung mit sich bringen wird. Aber es ermöglicht einem zumindest, solche Möglichkeiten in Angriff zu nehmen, wie kompensierende Maßnahmen zu ergreifen, bessere Schutzmaßnahmen in die Peripherie zu bringen oder eben auf Produkte gänzlich zu verzichten.
Philipp Ebnet, CGI: Mhm.
- Sicherheitslücken schließen und den Faktor Mensch mitdenken
-
Philipp Ebnet, CGI: Genau, jetzt hast du schon noch einmal Chancen angesprochen. Insofern lass uns doch mal in die Chance noch ein bisschen tiefer reingehen. Ja, aus Laien-Sicht, die ich mir dargestellt habe, oder die erste Frage, die ich mir da als Laie gestellt habe, war ja auch: Wenn wir jetzt theoretisch eine KI haben, ganz unabhängig davon, ob Claude Mythos das wirklich kann oder nicht, aber irgendwann wird es ja vielleicht eine KI geben, die wirklich jede Sicherheitslücke identifizieren kann. Kann ich da nicht auch einfach mit – wenn ich jede Sicherheitslücke identifizieren kann – im Umkehrschluss auch jede Sicherheitslücke schließen?
Frederik Richter, CGI: Das ist eine sehr gute Frage, Philipp. Ich würde die gerne voller Inbrunst mit Ja beantworten, aber ich gehe nicht davon aus. Erstens wird es wechselseitige Abhängigkeiten geben, die ein gänzliches Behandeln von Schwachstellen eventuell schwierig gestalten. Es wird interne Abhängigkeiten zu Produkten geben, die auch das Schließen von Schwachstellen nun ja nicht nur schwierig machen, sondern vielleicht sogar gänzlich unmöglich. Da erinnere ich nur an die NTLM-Lücke, die Microsoft schon seit Jahren quält. Und darüber hinaus, ich hatte es vorhin ganz kurz erwähnt, gibt es immer noch den Faktor Mensch, der eben durch eine Fehlkonfiguration, die auch für eine KI durchaus valider aussehen kann, oder durch ein Fehlverhalten für eine Schwachstelle sorgen kann, die dann wiederum ausgenutzt werden kann. Ich meine: Das beste Beispiel ist ja das Thema Phishing. Bei Phishing werden keine Systeme oder Schwachstellen ausgenutzt, sondern es wird gezielt mit dem Versagen bei Menschen spekuliert. Und das funktioniert leider in der heutigen Zeit immer noch sehr, sehr gut.
Philipp Ebnet, CGI: Mhm. Ja, das stimmt natürlich. Ja, dann: Wie würdest du denn jetzt diese KI-Entwicklung im Moment, wenn du jetzt die langfristige Entwicklung der IT-Branche damit betrachtest, wo siehst du, wo sich die Szene oder die Branche hin entwickeln muss oder sollte aus deiner Sicht?
Frederik Richter, CGI: Ich denke, dass sich insgesamt die Rolle der IT-Sicherheit wandeln wird. Und das wird sie müssen. Denn dass eine Änderung der Angriffsmuster oder des Angriffsverhaltens ausbleibt, da müsste man schon sehr optimistisch aufgestellt sein. Wovon ich aber ausgehe, ist, dass es weniger isolierte Tools geben wird. Sprich, dass es eher einen holistischen Ansatz im Bereich der IT-Sicherheit geben wird und dass man aufhört, mit einem Scheuklappenblick nur auf einzelne Systeme oder einzelne Protokolle oder Kommunikationswege zu schauen. Auch die Einschränkung gerade in den Bereichen des Scans, dass man sich nur einzeln lösen will – selbst wenn es abgeschottete Ökosysteme sind, man wird das Ganze eben... Man wird einen globalen Blick auf die zu wartende und zu verantwortende Infrastruktur werfen können und sich ein klares Bild über die aktuelle Sicherheitslage zumindest auf technischer Basis verschaffen können.
- Vorbereitung, Verantwortung und der nächste Entwicklungsschritt
-
Philipp Ebnet, CGI: Das heißt, wenn du jetzt die komplette Branche mal betrachtest, womit würdest du als Erstes starten? Welches Ziel würdest du dir als Erstes setzen?
Frederik Richter, CGI: Mein erstes Ziel wäre tatsächlich, so eine KI einmal in Aktion zu sehen – bei einer bekannten Umgebung. Denn wenn ich schon gewisse Aspekte über eine Umgebung weiß und vielleicht schon den einen oder anderen Schwachpunkt oder das eine oder andere Risiko identifizieren konnte, kann ich damit wirklich die Wirksamkeit einer solchen KI-Lösung überprüfen und schauen, inwieweit sie als Unterstützung für meinen Job am Ende tauglich ist. Denn die große Sorge, die ich habe, ist, dass die KI mir nichts anderes meldet als das, was mir ein aktueller Schwachstellen-Scanner bereits auch schon reporten würde, dass ich genau die gleiche Liste an Schwachstellen am Ende auf dem Tisch liegen habe, die mir beispielsweise ein Greenbone geliefert hätte. Und das möchte ich gerne vermeiden. Ich möchte diesen Mehrwert erst einmal am eigenen Leibe spüren, quasi, um zu wissen, wie ich dann auch vorgehen muss, um diese Schwachstellen, die erkannten, und die Kombination der Schwachstellen eben vereiteln zu können.
Philipp Ebnet, CGI: Ja, was du jetzt gerade sagst, das erinnert mich ein bisschen an Kritik, die ich auch an dem Vorgehen von Anthropic jetzt gelesen habe, nämlich dass sie mit dem Project Glasswing, also dem Zugang, den sie nur an eine Handvoll Unternehmen gegeben haben, zum Beispiel Microsoft, Apple und so weiter, dass da erstens noch keine Veröffentlichungen erfolgt sind und zweitens, dass sie den Zugang eben nur Privatunternehmen gegeben haben und niemandem aus der Forschung oder Wissenschaft. Und das ist eben, wie du gerade gesagt hast: Man weiß ja noch nicht, man hat es ja noch nicht in einem System gesehen, in einer Umgebung gesehen. Also wie bewertest du denn: Wie kann sich denn die Branche auf die Entwicklung durch so eine KI vorbereiten, wenn die Ergebnisse oder die Auswirkungen noch gar nicht bekannt sind? Wie geht man damit um?
Frederik Richter, CGI: Sehr gute Frage, Philipp. Ich denke, die Vorbereitung, die getroffen werden sollte, ist, dass jedes Unternehmen für sich entscheiden sollte, wie steuernde Richtlinien für den Einsatz von KI und insbesondere von KI im Security-Umfeld aussehen sollten. Wir innerhalb der CGI sind gerade dabei, diese Regeln noch weiter zu verfeinern und die Einsatzgebiete klar zu definieren, einfach nur damit eine KI beim Einsatz nicht etwas produziert, was ungewollt ist. Auch da gab es ja eine gewisse Berichterstattung, dass eine mit zu vielen Freiheiten ausgestattete KI durchaus auch in der Lage ist, die als gefährlich eingestufte Code-Basis zu löschen. Und in so ein Fahrwasser möchte ich ehrlicherweise niemals geraten.
Philipp Ebnet, CGI: Das kann ich verstehen. Wie würdest du denn dann, wenn du jetzt aus Unternehmenssicht denkst, wie würdest du jetzt die ganze Situation bewerten? Also Panik schieben, alle Strategien neu überdenken, alles, was bisher funktioniert hat, umwerfen oder erst einmal abwarten und analysieren, was passiert, und dann weitermachen? Oder was wäre einfach dein Rat an Unternehmen im Moment?
Frederik Richter, CGI: Also mein Rat wäre, noch nicht zum übertriebenen Aktionismus zu neigen, sondern tatsächlich noch die – ich hätte beinahe gesagt – fünf Minuten KI-Entwicklung abzuwarten, bis wir wirklich wissen, wo wir genau dran sind. Aber es gibt gewisse Dinge, die wir vorbereiten können, die die Unternehmen auch durchaus in die Lage bringen, einen gewissen Headstart zu bekommen, nicht Leidtragender des Einsatzes der KI von außen zu werden. Aus meiner Sicht stehen wir gerade an einem Punkt, an dem die KI das Gleichgewicht zwischen Angriff und Verteidigung neu definiert und wir eben einen entscheidenden Faktor haben, der darüber entscheidet, wie gut wir Zugriffe, Einsatzzwecke und Kontrollen dieser KI-Systeme reguliert bekommen und auch zukünftig weiterhin diese Oberhand behalten können. Da an diesem Scheideweg sehe ich uns gerade. Und ich denke, wenn wir der Sorgfalt an die Sache herangehen, dann überwiegt der Nutzen den potenziellen Schaden. Denn die Angreifer werden sich immer nur einzelne Ziele aussuchen. Aber wenn die Gesamtheit – wenn wir alle davon erfahren, wo überall noch Schwachstellen und Lücken vorhanden sind – dann können diese eben zentral behoben werden und damit für die Angreifer auf Dauer unbrauchbar gemacht werden.
Philipp Ebnet, CGI: Alles klar, das klingt ja doch sehr hoffnungsvoll oder sehr beruhigend. Insofern, Freddy, so Richtung Ende denkend: Wenn du jetzt mal das ganze Thema Claude Mythos in einem Satz zusammenfassen müsstest, wie würde dieser Satz denn lauten oder was würdest du sagen?
Frederik Richter, CGI: Der Satz, den ich dafür formulieren würde, wäre, dass Claude Mythos einen Weg eingeschlagen hat, der unvermeidbar war und Fluch und Segen zugleich ist. Und wir in der IT-Security jetzt die Aufgabe haben, darauf eine passende Antwort zu generieren, die es uns ermöglicht, uns auf der einen Seite vor einem solchen Tool zu schützen, aber gleichzeitig auch das volle Potenzial ausschöpfen zu können.
Philipp Ebnet, CGI: Alles klar. Danke dir, Freddy, für die ganzen Antworten und die Infos. Hat mich sehr gefreut. Ich habe viel gelernt. Danke dir.
Frederik Richter, CGI: Vielen, vielen Dank, dass du mich als Gast hattest, Philipp, und hat mir auch sehr viel Freude bereitet.
Philipp Ebnet, CGI: Ja, gerne. Vielleicht haben wir irgendwann auch die Chance, das Ganze doch mal ein bisschen tiefer einzugehen. Da können wir uns ja einfach noch einmal absprechen. Insofern danke dir, Freddy, und auch vielen Dank an dich natürlich, dass du zugehört hast. Und wenn es dir gefallen hat, dann like und subscribe den Podcast gerne, damit du keine Folge verpasst. Ich freue mich natürlich wie immer auf das nächste Mal, und bis dahin sage ich Tschau, wir hören uns.