Zwischen KI, digitaler Identität und moderner Gesundheitsversorgung
Wie sieht ein Gesundheitswesen aus, in dem Daten sicher verfügbar sind, KI sinnvoll unterstützt und Patienten wirklich im Mittelpunkt stehen? Genau darüber sprechen Julian Weinert (CGI) und Markus Vogel (Microsoft) live von der DMEA. In einem offenen, praxisnahen Austausch diskutieren sie die größten Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation im Gesundheitswesen — von Krankenhaus-IT über Cloud-Infrastrukturen bis hin zu KI-gestützter Diagnostik.
Dabei geht es nicht um Buzzwords, sondern um die zentrale Frage: Was bleibt wirklich relevant — Code oder Kittel?
Darum sollten Sie reinhören
Das Gespräch verbindet technologische Visionen mit konkreten Erfahrungen aus Klinik, IT und Gesundheitsversorgung. Sie erfahren unter anderem:
- warum digitale Identitäten künftig genauso wichtig werden wie medizinische Daten selbst
- weshalb Rechte- und Rollenmanagement die Grundlage moderner Krankenhaus-IT bildet
- wie KI Ärztinnen, Ärzte und medizinisches Personal unterstützen kann, ohne Verantwortung zu ersetzen
- warum Interoperabilität entscheidend für bessere Versorgung und Forschung ist
- welche Rolle Cloud-Technologien für Sicherheit, Skalierbarkeit und Innovation spielen
- wie Patientinnen und Patienten künftig stärker die Kontrolle über ihre eigenen Gesundheitsdaten erhalten könnten
Die wichtigsten Impulse aus dem Podcast
- Von Silos zu vernetzten Plattformen: Viele Krankenhäuser arbeiten noch mit isolierten Systemen und komplizierten Zugriffsstrukturen. Das Gespräch zeigt, warum modulare Plattformarchitekturen und offene Schnittstellen entscheidend für die Zukunft sind.
- KI braucht Vertrauen, Standards und Verantwortung: KI kann Diagnosen unterstützen, Prozesse beschleunigen und medizinisches Wissen besser nutzbar machen. Gleichzeitig braucht es klare Regeln, nachvollziehbare Systeme und medizinische Verantwortung.
- Datenhoheit neu denken: Patientinnen und Patienten möchten nicht nur Zugriff auf ihre Daten — sie möchten verstehen, wer sie nutzt, wie sie geschützt werden und welchen Mehrwert digitale Prozesse tatsächlich schaffen.
- European Health Data Space & digitale Identitäten: Die Diskussion zeigt, wie europäische Standards und digitale Wallets künftig eine sichere, interoperable Gesundheitsversorgung ermöglichen könnten — über Kliniken, Regionen und Ländergrenzen hinweg.
- Forschung neu ermöglichen: Von synthetischen Daten bis hin zu KI-gestützter Analyse: Moderne Datenplattformen könnten medizinische Forschung schneller, präziser und skalierbarer machen.
Transkript
Zum Nachlesen: das vollständige Gespräch mit Sprecherwechsel
- Von Silos zu vernetzten Plattformen
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Julian Weinert, CGI: Ja, mein Eindruck ist auch: Die Stimmung ist gut. Es ist gut besucht. Ein wichtiges Thema war für mich, wo sich die Krankenhausinformationssystem-Landschaft entwickelt und was die Treiber sind. Denn Krankenhäuser sind natürlich ein elementarer Baustein unseres Gesundheitssystems.
Markus Vogel, Microsoft: Genauso, wo sich Praxissoftware entwickelt, trotz aller Digitalisierung. Ohne Krankenhaus geht es nicht.
Julian Weinert, CGI: Man merkt, der Wettbewerb nimmt zu und wird vielschichtiger, weil tatsächlich neue Player langsam reinkommen, die andere Angebotsstrukturen haben und versuchen, diese teilweise historisch bedingte Silo-Mentalität in manchen Segmenten aufzubrechen und aufzuweichen. Das finde ich sehr wertvoll.
Markus Vogel, Microsoft: Silo ist ja auch eins meiner Lieblingsthemen. Ich war in der Klinik bestimmt drei-, vier-, fünfmal mit verschiedenen Passwörtern in verschiedenen Systemen eingeloggt. Ich glaube, es gibt niemanden, den das nicht stört. Und selbst wenn man irgendeine Lösung mit Single Sign-on hat, nützt einem das spätestens beim Weg in die Praxis oder bei der Kommunikation mit dem anderen Krankenhaus nicht mehr. Das ist tatsächlich meine große Hoffnung, dass diese Dynamik und das Wollen, das jetzt entsteht, dazu führt, dass solche Themen wirklich genau betrachtet werden.
- KI braucht Vertrauen, Standards und Verantwortung
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Julian Weinert, CGI: Ich glaube, technologisch sind wir da relativ bald schon oder sind wir vielleicht sogar schon, dass wir sagen: Das geht ganz schön weit. Ja, das ist eine supergute Ergänzung. Und die Frage wäre eher, inwiefern ich das selbst als Support-Tool akzeptieren kann oder eher Angst habe zu sagen: Gut, das ersetzt mich oder so.
Markus Vogel, Microsoft: Wir reden jetzt über Identität, über Wollen, und dann kam der Gedanke: Alle wollen mit Daten arbeiten, auch aktiv und proaktiv, neue Lösungen, neue Ideen. Jetzt ist ganz viel von KI die Rede, und dass KI etwas mit den Daten macht. Da sehe ich noch eine Hürde, um von den zusammengefassten Daten in den Krankenhäusern mit modernen KI-Systemen zu verbinden.
Julian Weinert, CGI: Technologisch ist das sicherlich möglich, fast sicher. Regulatorisch ist da natürlich noch ein ganz schöner Weg. Wenn ich Tools hätte, die bei manchen Dingen so spezialisiert und so gut sind, dass sie eine super Diagnostik liefern oder eine super Erkenntnis, und das hat aber nicht jeder Arzt in der Praxis, dann habe ich nach wie vor das große Problem, wie kann der Arzt das, was das Tool liefert, annehmen und sagen: Ja, das war tatsächlich du, lieber Patient, und deswegen kann ich die Diagnose, die das Device liefert, akzeptieren und in deine echte Patientenakte aufnehmen?
Markus Vogel, Microsoft: Also jetzt komme ich doch mal rein. Weißt du, was häufig übersehen wird? Ein Arzt darf eine Diagnose stellen. Das heißt, eine KI kann vielleicht eine Diagnose stellen, und die kann auch ganz richtig sein, aber es darf nur ein Arzt eine Diagnose stellen. Wir sind also eigentlich in der Situation, dass das Thema Diagnose eine ärztliche Tätigkeit ist. Das ist tatsächlich auch eine Festlegung und hat natürlich mit einer Verantwortungsübernahme, mit einer Haltung zu tun.
Julian Weinert, CGI: Ich glaube, das ist auch gut so. Ich würde das auch nicht herausgeben. Ich glaube nur technologisch sind wir bald so weit, dass wir sagen können: Das geht ganz schön weit. Und die Frage ist eher, inwiefern ich das selbst als Support-Tool akzeptieren kann oder eher Angst habe zu sagen: Gut, das ersetzt mich.
Markus Vogel, Microsoft: Man muss Vertrauen haben in das Tool, genauso wie ich letztendlich auch Vertrauen in Ärztin oder Arzt haben muss. Let’s face it: Man muss das ja auch mal sagen. Oder in das Labor. Irgendwo gehört es immer dazu, aber natürlich auch die Nachprüfbarkeit und Überprüfbarkeit. Deswegen schließt sich immer wieder der Kreis.
- Datenhoheit neu denken
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Markus Vogel, Microsoft: Aus meiner Sicht ist die Datenspeicherung natürlich ein wichtiger Punkt. Wenn ich mich mal wieder in den Arztkittel versetze, dann ist natürlich die Vorstellung, dass meine Daten plötzlich irgendwie weg sind, ganz furchtbar. Meine ganze Patientenkartei ist einfach verschwunden, ich kann mich an nichts mehr erinnern. Und ich glaube, was in diesem Wollen natürlich auch drin sein muss: Man darf nicht wollen, dass genau das passiert.
Markus Vogel, Microsoft: Ich habe manchmal das Gefühl, dass man mental irgendwie bei Benutzern und Passwort stehen geblieben ist. Und dann ist es natürlich auch ein Problem, Daten irgendwo abzulegen, wo sie nicht wirklich gesichert sind und man sich nicht darum kümmert.
Julian Weinert, CGI: Für mich ist die Möglichkeit zu haben und zu sehen, dass jemand das gut händelt und in der Lage ist, mir zeitnah die Sachen herauszugeben, auch ein Stück weit ein Qualitätsmerkmal. Auch wenn es vielleicht gar nicht logisch miteinander verknüpfbar ist.
Julian Weinert, CGI: Ich finde das Thema schon spannend. Vor einem Jahr habe ich über meine Krankenversicherung in meine EPA geschaut. Und ich habe mich irgendwann gefragt: Habe ich die Hoheit darüber zu sehen, wer Zugriff auf meine Daten hat, und kann ich sie entziehen oder nicht?
Julian Weinert, CGI: Man könnte es ja auch anders denken und zum Beispiel sagen: Wenn ich ins Klinikum komme, sagt das Klinikum: Schau mal, hier hast du schon den Livezugriff auf alles, was wir von dir speichern und was du bei dir irgendwo integrieren kannst. Mit dem einen Modell, das als sichere Authentifizierung funktioniert, kannst du das abgleichen und authentifizieren.
Markus Vogel, Microsoft: Am Ende des Tages ist ja ein Gesundheitssystem nicht für das System da, sondern für die Gesundheit. Wir brauchen auch diese guten Prozesse, wir brauchen die starken Partner, wir brauchen auch einfach die Plattform, weil sonst haben wir kein modernes Gesundheitssystem mehr.
- European Health Data Space & digitale Identitäten
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Julian Weinert, CGI: Wenn wir schauen, wohin die Reise geht – European Health Data Space und EUDI Wallet – glaube ich schon, dass dieses Modell, dass ich ein gutes Frontend habe, egal ob im Klinikum oder in der Praxis, und hinten dran eine solide Datenanbindung, die mir saubere Datentransaktionen erlaubt, immer wichtiger wird.
Julian Weinert, CGI: Telematikinfrastruktur ist da ein Ding, das mehr und mehr Fahrt aufnimmt, mit mehr Services, aber auch das Thema Rechteverwaltung muss ordentlich mitlaufen. Ich muss wissen, was ich in einem Klinikum oder innerhalb einer Organisation oder einer Region machen kann. Und dann: Wo liegen die Daten?
Julian Weinert, CGI: Wenn ich eine Leistung oder eine Transaktion eindeutig einem Leistungserbringer und einem Patienten zuweisen kann, warum soll ich dann nicht auch andere Entitäten sehen können, denen ich diese Transaktion eindeutig zuweisen kann? Sei es jetzt ein MRT-System, das Daten speichert und heute schon automatisch mit KI arbeitet.
Markus Vogel, Microsoft: Da sehe ich zum Beispiel eine riesige Chance der Plattformanbieter. Ich arbeite ja bei einem großen Plattformanbieter. Da finde ich tatsächlich eine riesige Chance, dass man diese vereinheitlichte Infrastruktur nutzen kann – genau für solche Fragen. Dass man innerhalb der EU für verschiedene Standards einheitliche Möglichkeiten schafft.
Julian Weinert, CGI: Ich glaube schon sehr stark, dass es unterschiedliche Kernelemente gibt, gerade im Krankenhausbereich, mit denen ich es schaffe, auch aus einem möglichen Vendor-Lock-in herauszukommen. Ich muss als Krankenhaus so aufgestellt sein, dass ich flexibel auf neue Situationen reagieren kann, neue Lösungen integrieren kann, bessere Lösungen integrieren kann. Weil wir heute modular denken müssen.
Julian Weinert, CGI: Um dieses Modulare hinzubekommen, ist das Thema Rechte und Rollen super relevant. Ich muss Rollen an andere Systeme vererben können, ordentlich definieren können, vielleicht sogar nach oben weitergeben können für ein Konzil, das häuserübergreifend ist.
- Forschung neu ermöglichen
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Markus Vogel, Microsoft: Das ist so ein bisschen mein Erleben: Dass genau das der Weg ist, auf den man sich jetzt machen muss. Wie sieht meine Organisation eigentlich aus? Wie sieht mein Krankenhaus aus? Ist da überhaupt Identitätsmanagement vorhanden?
Julian Weinert, CGI: Ich finde, flexible modulare Systemarchitektur wird viel relevanter.
Julian Weinert, CGI: Ich hatte letztens etwas gesehen, dieses synthetische Daten zu nutzen, um Abgleiche zu machen. Man könnte ja beispielsweise sagen: Okay, ich weiß, es gibt Bias-Effekte in den Realdaten.
Julian Weinert, CGI: Und ich glaube, es gibt noch Anwendungsfälle, wo die Patientenpopulation so klein ist – rare diseases oder so –, dass du so wenig Proben oder Samples hast, etwa aus Pathologieschnitten oder MRT-Scans oder Bildern, wo ich aber genau weiß, wie ich die methodisch beschreiben muss, um sie synthetisch erzeugen zu können und darauf ein Modell zu trainieren.
Markus Vogel, Microsoft: Ich glaube, du sprichst von der virtuellen Studie, ja? Also eine komplett virtuelle, synthetische Studie an einer virtuellen Studienpopulation, die dann letzten Endes von einem virtuellen System durchgeführt wird.
Markus Vogel, Microsoft: Was ich spannend finde, und ich denke, das wird auch gemacht: Dass du mit diesen synthetischen Daten natürlich sehr effektiv, schnell und umfangreich Studieninformation zusammentragen kannst, sodass dann vielleicht die Studienpopulation, also die Sample Size, in der Realstudie viel kleiner sein muss, weil du schon quasi virtuelle Vorab-Ergebnisse hast.
Markus Vogel, Microsoft: Du kannst natürlich auch, wenn man die entsprechenden Identitätsmanagement-Strukturen hat, wenn man die Modularität verstanden hat, wenn man Cloudtechnologie verstanden hat, auch so etwas wie Pseudonymisierung oder Anonymisierung machen. Man kann tatsächlich auch basierend auf Realdaten Datensätze erzeugen, die dann europaweit oder deutschlandweit verfügbar sind. Also für Forschende, die dann im Prinzip genau das machen können, die dann vielleicht sogar die Qualität ihrer synthetischen Daten damit verbessern können.
Julian Weinert, CGI: Ja, da gibt es natürlich auch spannende Entwicklungsrichtungen. Ich glaube, es gibt Anwendungsfälle, wo die echten Daten schlechter sind, weil sie absichtlich verfälscht sind. Und ich glaube, es gibt noch Anwendungsfälle, wo die Patientenpopulation so klein ist, dass synthetische Daten einen echten Mehrwert bringen können.
Julian Weinert, CGI: Den anderen Weg mit der Anonymisierung, Pseudonymisierung, sehe ich auch total. Ich glaube, diesen Systemabgleich zu haben, um Deltas festzustellen, finde ich total spannend. Und da sind wir halt leider gefühlt immer noch sehr stark in Silos unterwegs.
Markus Vogel, Microsoft: Mir fehlen dann auch die Informationen, um die KI überhaupt dahin zu bringen, dass sie genau diesen vertrauenswürdigen Zustand hat, den du gerade ansprichst. Da glaube ich, ist es einfach auch viel nötig, das so viel wie möglich zu ermöglichen und einzusetzen, um genau diese Erfahrung zu sammeln, die man braucht, um später zu vertrauen.