Dr. Elinor Tzvi-Minker

Dr. Elinor Tzvi-Minker

Executive Consultant

 

Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen ist weit vorangeschritten. Doch mehr digitale Lösungen führen nicht automatisch zu einer besseren Versorgung. Den größten Nutzen entfalten bestehende und neue Technologien, wenn sie so zusammenwirken, dass sie die Mitarbeitenden entlasten, die Informationen entlang des Patientenpfads verfügbar machen und gleichzeitig die Sicherheit und Innovationsfähigkeit erhöhen.

Unsere zentrale These lautet deshalb: Das Krankenhaus der Zukunft braucht nicht möglichst viele digitale Lösungen, sondern eine sichere, interoperable und flexible digitale Grundlage, auf der die Versorgung kontinuierlich weiterentwickelt werden kann.

Wieso Krankenhäuser ihre digitale Basis systematisch weiterentwickeln müssen

Die digitale Transformation des deutschen Gesundheitswesens hat deutlich an Dynamik gewonnen. Mit der elektronischen Patientenakte (ePA), den Patientenportalen, der Telematikinfrastruktur (TI), den digitalen Identitäten und verbindlichen Standards für Interoperabilität ist heute eine digitale Basis vorhanden, die vor wenigen Jahren noch fehlte. Durch den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) wird die digitale Vernetzung auch auf europäischer Ebene vorangetrieben.

Die gesundheitspolitische Zielrichtung verändert sich ebenfalls: Die 2026 aktualisierte Digitalisierungsstrategie des Bundes stellt personenzentrierte sektorenübergreifende Versorgungsprozesse in den Mittelpunkt. Weitere Schwerpunkte sind die bessere Nutzung hochwertiger Gesundheitsdaten und die Einbindung digitaler Innovationen in die Versorgung (Ref).

Gleichzeitig stehen Krankenhäuser unter erheblichem Veränderungsdruck: Fachkräftemangel, steigende Kosten, Cyberrisiken und regulatorische Anforderungen treffen auf historisch gewachsene IT-Landschaften.

Was bedeutet das konkret? Aus unserer Sicht ergeben sich daraus sechs aktuelle Handlungsfelder für Krankenhäuser.

1. Beim Patientenpfad ansetzen

Digitalisierung sollte nicht beim nächsten IT-System beginnen, sondern beim Versorgungsprozess. Für Krankenhäuser sind Fragen wie die folgenden daher besonders relevant: Wo werden Informationen mehrfach erfasst? Wo entstehen Medienbrüche? Wo warten Mitarbeitende auf Informationen? Und wo verliert der Patient beim Übergang zwischen ambulanter Versorgung, Krankenhaus, Rehabilitation und Nachsorge den digitalen Anschluss?

Wer diese Prozesse zunächst Ende-zu-Ende betrachtet, kann anschließend gezielter entscheiden, welche Daten und Technologien tatsächlich benötigt werden. Das Prinzip dahinter ist einfach: Prozess vor Technologie. Zurück nach oben

2. Strukturierte Daten und Interoperabilität von Anfang an mitdenken

Noch immer werden Anamnese, Medikation, Stammdaten oder Vorbefunde an unterschiedlichen Stellen wiederholt erfasst. Gleichzeitig liegen viele medizinische Informationen weiterhin ausschließlich in Dokumenten und PDFs vor.

Für Krankenhäuser gilt es deshalb, schrittweise von dokumentenzentrierten zu strukturierten und wiederverwendbaren Daten und standardisierten Schnittstellen überzugehen. FHIR (Fast Healthcare Interoperability Resources) und ISiK (Informationstechnische Systeme in Krankenhäusern) sowie dokumentierte APIs sollten bereits bei der Auswahl neuer Lösungen berücksichtigt werden.

Der entscheidende Schritt besteht darin, Informationen einmal zu erfassen, ihre Herkunft und Aktualität nachvollziehbar zu machen und sie dort zu nutzen, wo dies medizinisch sinnvoll und rechtlich zulässig ist. Das reduziert den Integrationsaufwand und die Herstellerabhängigkeiten und erleichtert die Einbindung neuer Technologien.

3. Digitale Services in klinische Workflows integrieren

Ein digitaler Check-in bringt wenig, wenn die Verwaltung die gleichen Informationen anschließend erneut in das Krankenhausinformationssystem (KIS) übertragen muss. Das Gleiche gilt für Patientenportale, elektronische Patientenakte (ePA) oder KI: Digitale Oberflächen dürfen keine zusätzlichen Arbeitsschritte verursachen.

Ein digitalisierter Prozess sollte deshalb von Anfang bis Ende funktionieren. Dafür müssen Patientenportal, KIS, ePA und weitere Systeme so miteinander verbunden sein, dass Informationen möglichst ohne Medienbruch in die klinischen und administrativen Prozesse gelangen.

4. Cybersecurity als Teil der Versorgungssicherheit verstehen

Mit der zunehmenden Vernetzung wird auch die Angriffsfläche größer. Immer mehr Systeme, Anwendungen und externe Partner sind in die digitalen Prozesse eines Krankenhauses eingebunden. Cybervorfälle können deshalb über die IT hinausgehen und unmittelbar die klinischen Abläufe beeinträchtigen.

Ein zukunftsfähiges Krankenhaus sollte deshalb über ausreichende Cyberresilienz verfügen. Dazu gehören unter anderem ein konsequentes Identity- und Access-Management, die Segmentierung kritischer Umgebungen sowie kontinuierliches Monitoring und Vulnerability Management. Ebenso wichtig sind belastbare Backup-, Recovery- und Incident-Response-Prozesse.

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Systeme miteinander zu verbinden, sondern die Vernetzung sicher, kontrolliert und zweckgebunden zu gestalten.

5. KI für konkrete Aufgaben im klinischen Alltag einsetzen

Beim Einsatz von KI sollte ein konkretes Problem im Mittelpunkt stehen. Dokumentation, Informationssuche, Entlassbriefe, Kodierungsunterstützung, Priorisierung oder operative Planung sind Beispiele für Bereiche, in denen KI Mitarbeitende effektiv unterstützen kann.

Der Nutzen sollte dabei von Anfang an messbar sein: Wie viel Dokumentationszeit wird eingespart? Wie verändert sich die Prozessqualität? Werden Informationen schneller verfügbar? So zeigt sich, ob ein KI-Einsatz klinisch und wirtschaftlich tragfähig ist.

6. Sichere Innovation und personalisierte Medizin ermöglichen

Krankenhäuser brauchen kontrollierte Innovations- und Forschungsumgebungen, in denen neue Technologien, KI und Datenmodelle sicher entwickelt, getestet und validiert werden können, ohne kritische Versorgungssysteme zu gefährden.

Solche Umgebungen schaffen zugleich die Grundlage für neue Ansätze in der Prävention und personalisierten Medizin. Modelle wie der Digital Triplet könnten künftig klinische, physiologische und weitere relevante Daten verbinden, um individuelle Risiken früher zu erkennen und Therapien gezielter zu gestalten. Entscheidend sind dafür bereits heute Datenqualität, Interoperabilität, sichere Infrastrukturen und klare Governance.

Die technische Basis ist da – jetzt geht es um das Zusammenspiel

Viele Voraussetzungen für die nächste Entwicklungsstufe des deutschen Gesundheitswesens sind bereits vorhanden oder werden derzeit geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, diese Entwicklungen nicht in getrennten Transformationsprogrammen voranzutreiben. Interoperabilität, KI, sichere Cloud- und Plattformarchitekturen, Cybersecurity und die Orientierung am Patientenpfad müssen ineinandergreifen und sollten entsprechend gemeinsam gedacht werden.

Neben der Technologie braucht es dafür eine klare Governance und definierte Verantwortlichkeiten. Ebenso wichtig sind die Einbindung der klinischen Bereiche und die Fähigkeit, Veränderungen in der Organisation umzusetzen. Das Ziel ist letztlich einfach: Informationen einmal erfassen, strukturiert und sicher nutzbar machen und Technologie dort einsetzen, wo sie die Versorgung verbessert. Gleichzeitig wird eine Architektur benötigt, die nicht nur heutige Anforderungen erfüllt, sondern kontinuierliche Innovation ermöglicht.

Sie möchten die digitale Transformation Ihres Krankenhauses weiter voranbringen? Sprechen Sie mit unseren Expertinnen und Experten darüber, wie sich die nächsten Schritte für Ihre Organisation konkret gestalten lassen.

Über diesen Autor

Dr. Elinor Tzvi-Minker

Dr. Elinor Tzvi-Minker

Executive Consultant

Elinor berät Organisationen im Gesundheitswesen zu KI-basierter Innovation, Data Science und datengetriebener Transformation. Sie verfügt über mehr als 13 Jahre Erfahrung im Gesundheitswesen und verbindet akademische Exzellenz mit Branchenerfahrung.