Ansgar Kaltwasser, CGI

Ansgar Kaltwasser

Vice President

 

Aus unseren langjährigen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und verschiedenen öffentlichen Auftraggebern wissen wir, dass sichere Kommunikation allein noch keine Handlungsfähigkeit schafft. Ob relevante Informationen im Ernstfall tatsächlich dort verfügbar sind, wo sie benötigt werden, entscheidet sich im Zusammenspiel von Organisationen, Prozessen und Technologien.

Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa haben sich grundlegend verändert. Mit dem Operationsplan Deutschland rückt die gesamtstaatliche Zusammenarbeit im Verteidigungsfall stärker in den Fokus – und damit die Fähigkeit, organisationsübergreifend zu handeln.

Genau dieser Fragestellung widmet sich die aktuelle AFCEA-Studie zum gesamtstaatlichen Sicherheitsökosystem. Sie zeigt, dass Deutschland weniger vor einer Technologielücke als vor einer Koordinationslücke steht. Maßgeblich ist nicht die Verfügbarkeit einzelner Technologien, sondern die Fähigkeit, relevante Informationen so bereitzustellen, dass alle Beteiligten ihre Entscheidungen auf einer gemeinsamen Basis treffen und aufeinander abgestimmt agieren können.  

Was die organisationsübergreifende Koordination zur Herausforderung macht

Im Verteidigungsfall zeigt sich die in der AFCEA-Studie beschriebene Koordinationslücke besonders deutlich. Sie entsteht weniger innerhalb der einzelnen Organisationen als dort, wo unterschiedliche Akteure zusammenwirken.

Verantwortlichkeiten, Führungsstrukturen und Meldewege sind in den beteiligten Institutionen in der Regel klar vorgegeben. Sobald jedoch Bundeswehr, Polizei, Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Bundes- und Landesbehörden sowie Betreiber kritischer Infrastrukturen miteinander kooperieren, müssen die Informationen zwischen allen Beteiligten ausgetauscht und für gemeinsame Entscheidungen genutzt werden. Doch genau an diesen Schnittstellen entstehen die größten Reibungsverluste.

Umso wichtiger ist ein gemeinsames Lagebild, das allen beteiligten Akteuren eine belastbare Informationsgrundlage für ihre Entscheidungen bietet.

Weshalb ein gemeinsames Lagebild mehr ist als eine technische Plattform

Der Begriff „gemeinsames Lagebild“ wird häufig mit einer technischen Anwendung oder einer zentralen Plattform verbunden. Tatsächlich geht es darüber hinaus. Lageinformationen müssen aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt, bewertet und den Beteiligten entsprechend ihrer jeweiligen Aufgaben bereitgestellt werden. Dabei kommt es darauf an, dass jede Organisation genau die Informationen erhält, die sie für ihre Entscheidungen benötigt – zur richtigen Zeit, in der richtigen Detailtiefe und abgestimmt auf ihre Rolle.

Beim Operationsplan Deutschland wird deutlich, welche Bedeutung dieser Ansatz hat. Wenn Deutschland als logistische Drehscheibe für Bündnispartner fungiert, koordinieren militärische und zivile Akteure ihre Maßnahmen – etwa bei Truppenbewegungen, der Sicherung kritischer Infrastruktur oder der Aufrechterhaltung logistischer Abläufe.

Um dies zu ermöglichen, müssen unterschiedliche Systeme, Daten und Prozesse nahtlos zusammenwirken. Diese Interoperabilität umfasst mehr als die technische Verbindung unterschiedlicher Systeme – gemeinsame Standards, abgestimmte Prozesse und klare Verantwortlichkeiten sind ebenso wichtig.

Warum die gesamtstaatliche Zusammenarbeit jetzt weiterentwickelt werden muss

Mit dem Operationsplan Deutschland werden die Anforderungen an die organisationsübergreifende Zusammenarbeit konkret. Bund, Länder, Bundeswehr, Behörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen organisatorisch, prozessual und technologisch so kooperieren, dass sie auch unter den Bedingungen eines Verteidigungsfalls gemeinsam handlungsfähig bleiben.

Aus unserer Sicht lässt sich die Koordinationslücke nur schließen, wenn Führungs-, Lage- und Kommunikationsstrukturen konsequent aufeinander abgestimmt werden. Dabei muss die Zusammenarbeit auch unter dynamischen Bedingungen zuverlässig funktionieren. Denn im Verteidigungsfall verändert sich die Lage rasch: Neue Informationen treffen ein, die Prioritäten verschieben sich und die Maßnahmen müssen kontinuierlich angepasst werden. Erst wenn Lageentwicklungen über die Grenzen der Organisationen hinweg fortlaufend bewertet und Entscheidungen abgestimmt umgesetzt werden können, bleibt ein gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem dauerhaft handlungsfähig.

Gesamtstaatliche Zusammenarbeit beginnt deshalb nicht erst im Verteidigungsfall – sie muss bereits heute gestaltet und kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Sie möchten sich über die Anforderungen an organisationsübergreifende Führungs-, Lage- und Kommunikationsarchitekturen austauschen? Ich stehe Ihnen gerne für ein Fachgespräch zur Verfügung.

Über diesen Autor

Ansgar Kaltwasser, CGI

Ansgar Kaltwasser

Vice President

Mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Defence- und IT-Umfeld beschäftigt sich Ansgar Kaltwasser mit der Führungsfähigkeit in der Gesamtverteidigung. Sein Fokus: Bundeswehr, NATO und Verteidigungsindustrie resilient, interoperabel und zukunftsfähig zu verbinden.