Digitale Souveränität: Wann technologische Abhängigkeiten kritisch werden

Cloud, Software-as-a-Service und digitale Plattformen eröffnen Unternehmen den Zugang zu Technologien, die sich intern oft nur mit großem Aufwand bereitstellen ließen. Gleichzeitig entstehen aber auch neue Abhängigkeiten: von Anbietern, Schnittstellen, Betriebsmodellen oder spezifischem Know-how.

Solche Abhängigkeiten sind nicht grundsätzlich problematisch: Kein Unternehmen muss jede Technologie selbst entwickeln oder jede Plattform selbst betreiben. Wichtig ist vielmehr, die eigenen digitalen Abhängigkeiten zu kennen und dort über ausreichende Kontrolle und Wahlmöglichkeiten zu verfügen, wo sie geschäftskritische Bereiche betreffen.

Genau hier setzt digitale Souveränität an. Welches Maß an Kontrolle und Wahlmöglichkeiten erforderlich ist, hängt davon ab, welche Auswirkungen eine Abhängigkeit auf Kosten, Risiken und zentrale Geschäftsprozesse haben kann. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Vorkehrungen, die Unternehmen treffen sollten.

Woran sich kritische Abhängigkeiten erkennen lassen

Ein deutliches Anzeichen ist, dass Veränderungen nur noch mit erheblichem Aufwand möglich sind. Ein typisches Beispiel ist der Vendor Lock-in: Der Wechsel zu einer anderen Technologie oder zu einem anderen Anbieter ist technisch möglich, würde aber hohe Kosten verursachen, lange dauern oder umfangreiche organisatorische Anpassungen erfordern.

Das kann unterschiedliche Gründe haben. Proprietäre Technologien und Schnittstellen erschweren beispielsweise die Übertragung von Anwendungen und Daten. Auch Vertragsmodelle, steigende Lizenzkosten oder fehlende Alternativen können den Handlungsspielraum einschränken.

Bei Daten können zusätzliche Anforderungen einen späteren Wechsel erschweren – etwa Vorgaben für die Speicherung und Verarbeitung oder den geltenden Rechtsraum. Hinzu kommt die Frage, wie die Zugriffsrechte geregelt sind.

Wie sich solche Abhängigkeiten in der Praxis auswirken, zeigen konkrete Beispiele. Ändert ein Anbieter sein Lizenzmodell von Nutzer- auf Kernbasis, können sich die Kosten für dieselbe Anwendung bei der nächsten Vertragsverlängerung erheblich erhöhen. Ist eine Anwendung auf eine plattformspezifische Datenbankfunktion angewiesen, kann ein Wechsel umfangreiche Änderungen an der Anwendungslogik erfordern. Auch die Kosten für die Übertragung großer Datenbestände aus einer Cloud-Plattform werden häufig erst sichtbar, wenn ein Wechsel tatsächlich ansteht.

Technische Voraussetzungen allein entscheiden jedoch nicht darüber, wie einfach ein Wechsel ist. Auch Verträge, Betriebsprozesse oder fehlendes internes Know-how können die Flexibilität einschränken. Eine technisch portable Plattform hilft beispielsweise nur begrenzt, wenn das notwendige Betriebswissen ausschließlich bei einem externen Dienstleister liegt.

Wie viel digitale Souveränität ein Unternehmen braucht

Dies hängt davon ab, wie kritisch eine Anwendung oder ein Service für das Unternehmen ist. Bei einer wenig kritischen Anwendung können die Vorteile einer Standardplattform deutlich stärker wiegen als die Möglichkeit, jederzeit auf eine andere Lösung wechseln zu können. Bei einem geschäftskritischen Service mit sensiblen Daten oder strikten regulatorischen Anforderungen kann dagegen deutlich mehr Kontrolle erforderlich sein.

Für die Bewertung kommt es deshalb auf den jeweiligen Business Service und seine konkreten Risiken an: Welche Folgen hätte der Ausfall einer Plattform? Was würde sich ändern, wenn ein Anbieter seine Bedingungen anpasst oder eine Technologie ersetzt werden muss? Welche Daten sind betroffen, welche Alternativen stehen zur Verfügung und welcher Aufwand wäre mit einem Wechsel verbunden?

Die Antworten auf diese Fragen zeigen, wo zusätzliche Kontrolle oder andere Optionen tatsächlich einen Mehrwert bieten. In anderen Bereichen können die Vorteile bestehender Lösungen überwiegen. Große Plattformen und internationale Anbieter behalten ihren Platz in der Architektur, solange sich die damit verbundenen Abhängigkeiten überblicken und bei Bedarf auflösen lassen.

Mehr Souveränität kann allerdings auch zusätzliches internes Know-how, Investitionen oder Veränderungen an der bestehenden IT erfordern. Diese Aufwände sollten dem erwarteten Nutzen gegenübergestellt werden.

Wechselmöglichkeiten werden auch regulatorisch wichtiger

Der Umgang mit digitalen Abhängigkeiten bekommt zusätzlich regulatorisches Gewicht. Der EU Data Act stärkt den Wechsel zwischen Datenverarbeitungsdiensten. DORA verlangt Exit-Strategien für IKT-Services, die kritische oder wichtige Funktionen unterstützen. NIS2 rückt die Sicherheit von Lieferketten und Dienstleistern stärker in den Fokus. In der öffentlichen Verwaltung kommen zusätzliche Anforderungen und Rahmenwerke hinzu – etwa der BSI C5 und die Deutsche Verwaltungscloud-Stategie.

Damit werden Fragen, die früher häufig erst bei Vertragsende oder einer geplanten Migration auftauchten, bereits bei Architektur- und Beschaffungsentscheidungen relevant. Cloud-Exit und Portabilität sollten deshalb bereits bei der Auswahl und Ausgestaltung eines Services berücksichtigt werden. Dazu gehören auch Verträge, Verantwortlichkeiten sowie der erwartete Zeit- und Kostenaufwand.

KI schafft eine neue Ebene digitaler Abhängigkeiten

Mit dem zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz entstehen neue technologische Abhängigkeiten. Unternehmen nutzen immer häufiger externe Modelle, KI-Plattformen und spezialisierte Recheninfrastruktur. Diese Abhängigkeiten stellen bestehende Architektur- und Governance-Modelle vor neue Herausforderungen.

Sie unterscheiden sich dabei von klassischen Plattformabhängigkeiten. Wann ein Modell abgelöst oder abgekündigt wird, bestimmt in der Regel der Anbieter und nicht das Unternehmen. Ein Modellwechsel verändert außerdem das Ergebnisverhalten und nicht nur die Technik. Tests, Freigaben und Arbeitsweisen müssen deshalb erneut abgesichert werden. Hinzu kommt, dass die Rechenkapazität knapp ist und oft langfristig gebunden wird.

Auch hier gilt: Nicht jede Abhängigkeit muss vermieden werden. Für Unternehmen kommt es darauf an, welche Optionen ihnen bei veränderten Anforderungen bleiben. Lassen sich Modelle austauschen? Können Daten auf einer anderen Plattform genutzt werden? Welche Komponenten sind offen, welche proprietär? Und welches Wissen muss im eigenen Unternehmen vorhanden bleiben?

Digitale Souveränität braucht das richtige Maß

Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck. Sie wird dort essenziell, wo technologische Abhängigkeiten zu wirtschaftlichen oder operativen Risiken werden können. Es geht daher nicht um maximale Unabhängigkeit, sondern darum, technologische Entscheidungen auch unter veränderten Rahmenbedingungen selbstbestimmt treffen zu können.

Welches Maß an digitaler Souveränität dafür erforderlich ist und welche Handlungsfelder dabei eine Rolle spielen, zeigen wir auf unserer Themenseite zur digitalen Souveränität.