Asteroiden aufspüren und die Menschheit vor möglichen Einschlägen schützen: Was andere nur aus dem Kino kennen, ist der Arbeitsalltag unseres Kollegen Rainer Kresken. Im Einsatz für das Planetary Defence Office der Europäischen Weltraumorganisation ESA sucht er den Himmel nach potenziell gefährlichen Objekten ab. Hier spricht er über die Herausforderungen der Asteroidenabwehr – und über den Tag, an dem er den Kometen entdeckte, der heute seinen Namen trägt.

Hallo Rainer, du hast einen wirklich außergewöhnlichen Beruf: Du bist in der Asteroidenabwehr tätig. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ich verweise immer gerne auf den Film „Armageddon“. Aus wissenschaftlicher Sicht kann man daran einiges kritisieren. Aber vielen Menschen ist durch diesen Film erstmals bewusst geworden, dass die Menschheit durch kleine Planeten bedroht ist.

Wie groß ist diese Gefahr?

Die individuelle Gefahr ist sehr gering. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, mache ich mir mehr Sorgen! Doch die Erde ist schon oft von kleinen Planeten getroffen worden. Diese Spuren sind meistens subtil – manchmal aber auch nicht. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Meteor Crater in Arizona, der einen Durchmesser von etwa 1.200 Metern hat. Dort ist vor etwa 50.000 Jahren ein Eisenmeteorit eingeschlagen. Wenn man in diesem Krater steht, versteht man sofort, dass es nicht schön wäre, wenn so etwas in der eigenen Stadt passieren würde. Genau das wollen wir verhindern.

„Zeit ist der wesentliche Faktor.“

Wie funktioniert die Abwehr?

Wir beobachten laufend den Himmel, um frühestmöglich warnen zu können. Es könnte aber auch Objekte geben, bei denen Warnen nicht wirklich hilfreich ist, weil sie zu groß sind. Deshalb machen wir uns konkret Gedanken, wie man sie ablenken kann. Das ist inzwischen technologisch machbar. Es wurde schon nachgewiesen, dass Asteroiden zum Beispiel mit dem Einschlag einer Raumsonde abgelenkt werden können. Aber da gibt es noch viele Baustellen.

Zeit ist der wesentliche Faktor. Wenn wir heute ein Objekt entdecken würden, dass in vier oder fünf Jahren einschlagen würde, hätten wir ein echtes Problem – denn so viel Zeit braucht man mindestens, um so eine Raumsonde zu bauen und in den Weltraum zu bringen. Dann wäre sie noch längst nicht am Ziel. Sie müsste ein paar Jahre im Weltraum um die Sonne kreisen, um die richtige Umlaufbahn einzunehmen. Diese Zeit hätten wir nicht. Das muss sich dringend ändern.

Wie kommt es, dass du heute in der Asteroidenabwehr arbeitest?

Schon als Teenager habe ich als Amateurastronom bekannte Kleinplaneten im Teleskop beobachtet. Nach meinem Studium – Maschinenbau mit der Fachrichtung Luft- und Raumfahrttechnik – habe ich zwei Jahre lang bei einem Satellitenhersteller gearbeitet. Dann konnte ich zu einem Vertragspartner der ESA wechseln und war lange Zeit als Ingenieur im Betrieb von astronomischen Forschungssatelliten tätig. Vor rund fünf Jahren bin ich in der Asteroidenabwehr angekommen. Für mich ist es das Ziel meiner beruflichen Träume, weil ich hier genau das machen kann, was schon immer mein Hobby war.

„Mit sehr viel Glück ist ein Komet dabei.“

Wie sieht die Suche nach unbekannten Asteroiden aus?

In der Regel überlege ich mir nachmittags, wo ich suchen möchte, und fertige ein Skript an, mit dem die Teleskope programmiert werden. In der Abenddämmerung drücke ich dann aufs Knöpfchen und das Teleskop beobachtet die ganze Nacht lang. Diese Daten werden auf einen Server in Spanien geschoben und von einer Software automatisch ausgewertet.

Das Wort „Asteroid“ bedeutet: „sternenartig“. Das heißt: Man sieht ihnen auf den ersten Blick nicht an, dass sie keine Sterne sind. Man erkennt sie erst, wenn sie sich bewegen. Deshalb machen wir im Laufe von typischerweise einer halben Stunde eine ganze Reihe von Aufnahmen. Das gibt dem Objekt genügend Zeit, sich zu bewegen und sich somit zu erkennen zu geben.

Dabei werden viele Dutzende bekannter Asteroiden entdeckt, ab und zu aber auch unbekannte Objekte – mit sehr viel Glück ist ein Komet dabei.

„Einen Kometen findet man once in a lifetime, wenn überhaupt.“

Tatsächlich hast du bereits einen neuen Kometen entdeckt, der deshalb auch nach dir benannt wurde: Komet P/2025 W3 (Kresken). Wie war das?

Ausgerechnet an diesem Tag funktionierte die automatische Datenauswertungskette nicht. Also musste ich die Aufnahmen manuell absuchen. Abends, beim „Tatort“, hatte ich immer noch den Laptop auf dem Schoß und habe weiter Fotos durchgeguckt – da habe ich ihn gefunden.

Dass es ein Komet ist, war vom ersten Hinschauen schon klar: Während ein Asteroid punktförmig aussieht, haben Kometen einen Schweif, der genau von der Sonne weg zeigt. Ich konnte schnell ausschließen, dass er schon bekannt ist. Dann hat mich der „Tatort“ nicht mehr interessiert.

Wie häufig findet ihr neue Objekte?

Tatsächlich haben wir eine ziemlich hohe Entdeckungsquote. Pro Woche finden wir etwa zwei Asteroiden, die der Erde nahe kommen – aber einen Kometen findet man nur „once in a lifetime“, wenn überhaupt.

Du hast dein berufliches Glück gefunden – das wünschen sich viele. Was rätst du jungen Menschen, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen?

Sie sollten das machen, was sie am meisten interessiert, was ihnen Spaß macht und was sie gut können. Denn da bringt man die besten Leistungen und hat dauerhaft die nötige Motivation. Es hat keinen Sinn, irgendetwas zu machen, nur weil es erfolgversprechend aussieht.

Mir wurde damals von meinem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik abgeraten: Das sei so ein Exotenfach, da finde man schlecht Arbeit. Darauf habe ich zum Glück nicht gehört!

Wir wünschen dir weiterhin viel Freude in deinem spannenden Beruf! Vielen Dank für diese Einblicke.