Was die aktuelle CGI Kundenbefragung „Voice of our Clients“ über die Zukunft der öffentlichen Verwaltung verrät – und welche Ableitungen sich daraus insbesondere für die Digitalstrategie der Bundesverwaltung in Deutschland ziehen lassen.

Die Verwaltungsdigitalisierung verändert ihren Charakter. Standen in den vergangenen Jahren vor allem Online-Dienste, digitale Formulare und die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes im Mittelpunkt, rücken heute grundlegendere Fragen in den Fokus: Wie kann der Staat trotz Fachkräftemangel leistungsfähig bleiben? Wie lassen sich Künstliche Intelligenz und Automatisierung verantwortungsvoll einsetzen? Welche Rolle spielen digitale Souveränität, Cyber Security und moderne Plattformarchitekturen für die Handlungsfähigkeit des Staates?

Diese Entwicklung bestätigt auch die aktuelle CGI Voice of our Clients 2026. Im Rahmen von weltweit 1.836 Gesprächen mit 1.500 Führungskräften aus 1.326 Organisationen wurden die strategischen Herausforderungen der digitalen Transformation untersucht. Für den öffentlichen Sektor betrachtet CGI dabei zwei unterschiedliche Verwaltungsebenen:

  • Central & Federal Government mit 273 Interviews aus Ministerien, Bundesbehörden und zentralstaatlichen Organisationen sowie
  • State, Provincial & Local Government mit 173 Interviews aus Landes-, Provinz- und Kommunalverwaltungen.

Beide Auswertungen zeigen zahlreiche gemeinsame Trends, machen aber zugleich deutlich, dass sich die Herausforderungen der verschiedenen Verwaltungsebenen unterschiedlich ausprägen. Während dieser Beitrag seinen Schwerpunkt auf die Ergebnisse für Central & Federal Government legt, lohnt an einigen Stellen der Vergleich mit den Erkenntnissen aus State, Provincial & Local Government, da gerade diese Unterschiede wichtige Rückschlüsse für die deutsche Verwaltungslandschaft zulassen.

Die Kernaussagen der Studie lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:

  • Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden zur strategischen Grundlage staatlicher Handlungsfähigkeit.
  • Demografischer Wandel und Fachkräftemangel entwickeln sich zum größten Engpass der Verwaltungsmodernisierung.
  • Legacy-Systeme behindern weiterhin den Einsatz moderner Technologien.
  • Cloud, Datenplattformen und Cyber Security werden zunehmend unter dem Aspekt digitaler Souveränität betrachtet.
  • Der Fokus verschiebt sich von einzelnen Digitalisierungsprojekten hin zur Modernisierung der gesamten Verwaltungsarchitektur.
  • Doch was bedeuten diese Erkenntnisse konkret für die Bundesverwaltung in Deutschland?

 

CGI Voice of our Clients: Zentralverwaltungen und Bundesbehörden

CGI Voice of our Clients 2026
Steigende Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger beschleunigen die digitale Innovation Der Einsatz verantwortungsvoller KI eilt der strategischen Verankerung voraus Regulatorische und fiskalische Volatilität wird zur neuen Normalität für Verwaltungen

71 %

der Befragten sind stark von Technologie und der digitalen Beschleunigung betroffen

71 %

geben an, dass verantwortungsvolle KI die digitale Transformation beschleunigt

70 %

der Behörden auf Bundesebene sind von den veränderten Rahmenbedingungen betroffen

Die Aufrechterhaltung des Betriebs hängt zunehmend von Investitionen in die Digitalisierung ab, da digitale Plattformen zum zentralen Betriebsumfeld werden.
 
KI treibt mittlerweile die digitale Transformation der öffentlichen Verwaltung voran, doch nur 30 % der zentralen und föderalen Organisationen verfügen über eine ganzheitliche KI-Strategie. Volatilität verändert die Prioritäten. Behörden müssen ihre KI- und Cloud-Fähigkeiten gezielt weiterentwickeln und nutzen, um schneller zu greifbaren Ergebnissen zu gelangen.
 

 

CGI Voice of our Clients: Landes- und Kommunalverwaltungen

CGI Voice of our Clients 2026
Steigende Erwartungen, knappe Haushalte, wachsender Umsetzungsdruck KI gewinnt an Bedeutung – die Skalierung bleibt die größte Herausforderung Fragmentierte Daten und Altsysteme bremsen die Skalierung
 

69 %

nennen Effizienz und Kostenkontrolle als wichtigste Prioritäten.

Prio 1

KI und Automatisierung sind die am häufigsten genannten Technologietrends.

32 %

verfügen über eine organisationsweite Datenstrategie.

Landes- und Kommunalverwaltungen stehen vor der Herausforderung, steigende Erwartungen von Bürgerinnen und Bürgern zu erfüllen, den rasanten Fortschritt im Bereich Künstliche Intelligenz zu nutzen und regulatorische Anforderungen umzusetzen – bei gleichzeitig begrenzten Haushaltsmitteln und hohem Umsetzungsdruck.
 
Der KI-Einsatz geht über Pilotprojekte hinaus. Die flächendeckende Einführung bleibt jedoch anspruchsvoll – insbesondere aufgrund fragmentierter Datenbestände, gewachsener IT-Landschaften und hoher Anforderungen an Governance und Sicherheit.. Trotz Fortschritten bei der Entwicklung von Datenstrategien erschweren fragmentierte Datenbestände und gewachsene IT-Systeme die Skalierung von KI-Anwendungen und digitalen Verwaltungsleistungen.
 

 

Digitalisierung der Bundesverwaltung folgt eigenen Regeln

Digitalisierung wird häufig anhand erfolgreicher Beispiele aus der Privatwirtschaft diskutiert. Für die Bundesverwaltung gelten jedoch andere Rahmenbedingungen. So muss sie auch in Fragen der Digitalisierung die Rechtsstaatlichkeit ihres Handelns gewährleisten, höchste Anforderungen an Datenschutz und Informationssicherheit erfüllen und dabei dauerhaft handlungsfähig bleiben. Hinzu kommen komplexitätssteigernde Umstände wie komplexe Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie enge haushalts- und vergaberechtliche Vorgaben und Schranken.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, neue Technologien einzuführen. Vielmehr müssen Organisation, Prozesse und IT-Architekturen so weiterentwickelt werden, dass Digitalisierung dauerhaft skalierbar wird.

Genau darauf weist auch die CGI-Studie hin. Nur 20 Prozent der befragten Bundes- und Zentralverwaltungen bewerten ihre Organisation als hoch agil. Gleichzeitig sehen 49 Prozent Legacy-Systeme als erhebliches Hindernis für die digitale Transformation an.

Souveräne Cloud wird zur Grundlage staatlicher Handlungsfähigkeit

Cloud ist längst keine reine Infrastrukturentscheidung mehr. Die aktuelle Studie zeigt, dass Sicherheitsanforderungen inzwischen das wichtigste Motiv für Cloud-Migration darstellen. Unmittelbar dahinter folgt das Thema Datensouveränität. Gerade europäische Behörden messen der Kontrolle über Daten und Infrastrukturen eine deutlich höhere Bedeutung bei als andere Regionen.

Auch die Auswertung für State, Provincial & Local Government bestätigt diesen Trend. Dort entwickelt sich Datensouveränität zunehmend zu einem strategischen Kriterium bei Cloud-, Daten- und Anbieterentscheidungen. Cloud wird damit nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet, sondern zunehmend unter dem Aspekt staatlicher Resilienz und technologischer Unabhängigkeit.

Für Deutschland bedeutet dies: Die Zukunft liegt nicht in einer einzigen Cloud, sondern in souveränen, interoperablen und reversiblen Hybridarchitekturen und Cloud-agnostischen Anwendungsarchitekturen. Mit der Bundescloud, der Deutsche Verwaltungscloud oder der Deutschlandplattform des GovTech Campus stehen hierfür mittlerweile auch die notwendigen Alternativen bereit.

KI wird zur Entlastungsarchitektur der Verwaltung

Die öffentliche Diskussion über Künstliche Intelligenz konzentriert sich häufig auf Chatbots oder Textgeneratoren. Für die Bundesverwaltung liegt der eigentliche Mehrwert jedoch an anderer Stelle: KI kann Verwaltungsmitarbeitende von Routinetätigkeiten entlasten, Wissen verfügbar machen und Bearbeitungsprozesse beschleunigen.

Die CGI Voice of our Clients zeigt, dass 71 Prozent der befragten Bundes- und Zentralverwaltungen KI inzwischen als Beschleuniger der digitalen Transformation betrachten. Gleichzeitig verfügen jedoch erst 30 Prozent über eine ganzheitliche KI-Strategie und lediglich 36 Prozent messen den tatsächlichen Nutzen ihrer KI-Anwendungen.

Auch auf Landes- und Kommunalebene zeigt sich ein ähnliches Bild. Dort verfügen zwar bereits mehr als die Hälfte der Organisationen über bereichsspezifische KI-Strategien, doch nur 38 Prozent messen den tatsächlichen Mehrwert ihrer Anwendungen. Die Herausforderung liegt also nicht mehr im Experimentieren, sondern im produktiven Einsatz.

Für die Bundesverwaltung sollte KI deshalb weniger als Einzelprojekt verstanden werden, sondern als Entlastungsarchitektur, die sich nahtlos in Verwaltungsprozesse integriert.

Prozessautomatisierung statt digitaler Formulare

Die erste Phase der Verwaltungsdigitalisierung bestand vielfach darin, analoge Prozesse digital abzubilden. Die nächste Phase geht deutlich weiter. KI-gestützte Dokumentenverarbeitung, intelligente Vorgangsbearbeitung, automatische Klassifikation, Entscheidungsunterstützung oder regelbasierte Bearbeitung standardisierter Verfahren eröffnen völlig neue Produktivitätspotenziale. Digitalisierung bedeutet künftig nicht mehr nur digitale Formulare, sondern weitgehend automatisierte Verwaltungsprozesse.

Der eigentliche Digitalisierungstreiber heißt Demografie

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Studie betrifft gar nicht die Technologie. Sie betrifft die Menschen: 58 Prozent der befragten Bundes- und Zentralverwaltungen sehen den Mangel an IT-Fachkräften als erhebliches Problem. Gleichzeitig verfügen lediglich 36 Prozent über ausreichenden Zugang zu Spezialisten für Cloud, KI und Cyber Security. Der demografische Wandel zählt inzwischen zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf die Verwaltungsmodernisierung.

Diese Entwicklung trifft Deutschland besonders stark. In den kommenden Jahren wird ein erheblicher Teil der Beschäftigten altersbedingt aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden. Es ist aus verschiedenen Gründen unrealistisch, dass sämtliche Stellen wiederbesetzt werden.

Digitalisierung wird damit nicht nur zum Modernisierungsprojekt. Sie wird zur Voraussetzung dafür, dass die Verwaltung ihre Aufgaben künftig überhaupt noch mit weniger Personal erfüllen kann. KI erscheint in dieser Perspektive als eines der wenigen Werkzeuge, das realistisch die Fähigkeit hat, diese Lücke zu schließen.

Finanzielle Spielräume werden kleiner – Nachnutzung wird wichtiger

Neben dem Fachkräftemangel werden auch die finanziellen Spielräume enger. Gerade deshalb wird die konsequente Nachnutzung vorhandener Lösungen zu einem zentralen Erfolgsfaktor.

Die Bundesverwaltung verfügt bereits heute über leistungsfähige digitale Anwendungen – beispielsweise das Lobbyregister oder die Plattform für die elektronische Gesetzgebung. Beide zeigen exemplarisch, wie einmal entwickelte Lösungen künftig auch anderen Verwaltungsebenen als Vorlage dienen können.

Gerade die Ergebnisse aus der Landes- und Kommunalverwaltung unterstreichen den Bedarf nach gemeinsamen Plattformen und wiederverwendbaren Komponenten. Digitalisierung gewinnt an Geschwindigkeit, wenn erfolgreiche Lösungen nicht mehrfach entwickelt werden müssen.

Konvergenz der IT-Architekturen schafft Skalierung

Deutschland verfügt über historisch gewachsene IT-Landschaften mit einer Vielzahl unterschiedlicher Plattformen und Fachverfahren. Diese Vielfalt erschwert Innovation und ist im Unterhalt teuer und arbeitskräftezehrend.

Die CGI-Studie zeigt, dass 68 Prozent der befragten Bundes- und Zentralverwaltungen bislang weniger als 40 Prozent ihrer Legacy-Anwendungen modernisiert haben. Gleichzeitig planen viele Behörden in den kommenden Jahren erhebliche Fortschritte bei der Cloud-Migration.

Die eigentliche Aufgabe besteht deshalb nicht darin, immer neue Fachverfahren zu entwickeln. Viel wichtiger wird die Konvergenz der IT-Architekturen: gemeinsame Basiskomponenten, standardisierte Schnittstellen, interoperable Plattformen und eine konsequente Wiederverwendung technischer Lösungen.

Cyber Security wird zum Architekturprinzip

Mit zunehmender Vernetzung steigen aber auch die Risiken. Cloud, Registermodernisierung und KI schaffen neue Möglichkeiten – aber auch neue Angriffsflächen.

Entsprechend überrascht es nicht, dass Sicherheits- und Datenschutzanforderungen heute zu den wichtigsten Kriterien für Cloud- und Architekturentscheidungen zählen. Sowohl die Antworten der Bundesverwaltungen als auch die Auswertung für Landes- und Kommunalverwaltungen zeigen, dass Cyber Security inzwischen weit über ein klassisches IT-Thema hinausgeht und zu einem strategischen Steuerungsfaktor geworden ist.

Für die Bundesverwaltung bedeutet das: Zero-Trust-Architekturen, sichere Identitäten, resiliente Plattformen und verantwortungsvoller KI-Einsatz müssen von Beginn an Bestandteil jeder neuen Modernisierungsinitiative sein.

Eine Steigerung der Geschwindigkeit in der Digitalisierung wird zur Überlebensfrage

Die CGI Voice of our Clients macht deutlich, dass sich die Herausforderungen der öffentlichen Verwaltung weltweit ähneln. Für die Bundesverwaltung kommen jedoch besondere Rahmenbedingungen hinzu: Föderalismus, hohe Anforderungen an Rechtssicherheit und Informationssicherheit sowie ein zunehmender Fachkräfte- und Finanzierungsdruck.

Trotz dieser komplexitätssteigernden Bedingungen gilt es jedoch die Schnelligkeit der digitalen Transformation drastisch zu erhöhen. Die finanziellen und personellen Handlungsspielräume der Verwaltung sind schon in naher Zukunft deutlich eingeschränkt. Eine stärkeres Tempo bei der Digitalisierung der Verwaltung entspricht deshalb nicht nur der Erwartung der Verwaltungskunden, sondern ist für die Handlungsfähigkeit der verschiedenen Verwaltungsebenen schlichtweg elementar. Dies kann nur gelingen, wenn die Digitalisierungsinitiativen Hand in Hand, mit organisatorischer Entzerrung, Reduktion von fachlicher Komplexität und Bürokratieabbau gehen.

Zusammengefasst wird sich der Erfolg der Verwaltungsdigitalisierung künftig weniger an der Zahl neuer Online-Dienste messen lassen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt,

  • souveräne Cloud-Architekturen aufzubauen,
  • KI als Entlastungsarchitektur produktiv einzusetzen,
  • Verwaltungsprozesse konsequent zu automatisieren,
  • vorhandene Lösungen systematisch nachzunutzen,
  • die Geschwindigkeit der Digitalisierung zu erhöhen,
  • gemeinsame Architekturen zu etablieren und
  • Cyber Security von Anfang an mitzudenken.

Die nächste Phase der Verwaltungsdigitalisierung ist damit keine reine Technologieoffensive mehr. Sie ist ein organisatorischer und architektonischer Umbau des Staates. Wer heute die richtigen Entscheidungen trifft, schafft die Grundlage für eine leistungsfähige, resiliente und zukunftsfähige öffentliche Verwaltung.